Drees, Stefan

Körper Medien Musik

Körperdiskurse in der Musik nach 1950

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2011
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/05 , Seite 85

Kaum ein The­ma beschäftigt die Geis­teswis­senschaften seit den 1980er Jahren so anhal­tend wie der men­schliche Kör­p­er. Das aus­geprägte Inter­esse war eine zwin­gende Folge der voraus­ge­gan­genen ästhetis­chen Umwälzun­gen. Seit sich die Kun­st den irdis­chen Phänome­nen wie blu­ten­den Wun­den, Erfrierun­gen, Schweiß und Atem­not wid­met, aber auch mit den tech­nis­chen Erweiterun­gen des Kör­pers arbeit­et, ist der men­schliche Leib zum Kun­sto­b­jekt und damit auch zum Gegen­stand der Diskus­sion geworden.
Der Essen­er Autor Ste­fan Drees hat den «Kör­perdiskursen in der Musik nach 1950» einen kom­pak­ten Band gewid­met. In sechs Kapiteln, die ihren Ursprung jew­eils in Einzelvorträ­gen und Auf­sätzen haben, untern­immt er den Ver­such, die entsprechen­den Ten­den­zen der so genan­nten Kun­st­musik zu kat­e­gorisieren. Die Darstel­lung umfasst Kom­po­si­tio­nen, Hap­pen­ings, Per­for­mances, Videokun­st, aber auch Exkurse zur Bilden­den Kun­st und zur Lit­er­atur, was auf­grund der mul­ti­me­di­alen Arbeit­en und der inhaltlichen Bezüge ger­adezu zwin­gend erscheint. Voll­ständig aus­geklam­mert bleibt lediglich die U‑Musik. Pop, Rock, Jazz und Tech­no find­en schlichtweg nicht statt, wür­den aber den Rah­men dieser Pub­lika­tion sprengen.
Neben rein kör­per­be­zo­ge­nen Werken ste­ht vor allem die medi­ale Ein­bindung und Insze­nierung des men­schlichen Leibs im Zen­trum der Darstel­lun­gen, wom­it Drees eines der wichtig­sten The­men des jün­geren Kun­stschaf­fens ein­bezieht. Nach­dem das erste Kapi­tel die Pio­nierin­nen der Vokalartis­tik sowie ver­wandte Werke von Luciano Berio, Dieter Schnebel und Hans-Joachim Hes­pos vorstellt, wid­met sich die fol­gende Darstel­lung den inter­me­di­alen Arbeit­en Nam June Paiks, die sich bis heute als Ref­eren­zw­erke behaupten und daher die Aus­führlichkeit recht­fer­ti­gen, mit der Drees sie vorstellt. Das vielle­icht inter­es­san­teste Kapi­tel behan­delt den «hybri­disierten Kör­p­er». Hier schlägt der Autor den Bogen von Oswald Wieners «Bio-Adapter» zu Sen­sor Gloves, über Cyber Suits, Vir­tu­al und Ampli­fied Bod­ies bis hin zu den den Per­for­mances des Kün­stlers Ste­larc. Dass hier mit Cyborgs auch die prä­gende Kraft pop­kul­tureller Kinophänomene erwäh­nt wird, ver­lei­ht der Lek­türe einen Reiz, der weit über die musikalis­che Bestand­sauf­nahme hinausreicht.
Drees zitiert dabei eine beein­druck­ende Fülle von Sekundär­lit­er­atur, was allerd­ings mitunter die Lek­türe behin­dert, vor allem dann, wenn die wörtlich zitierten und nicht immer orig­inellen Pas­sagen über­hand nehmen. Er selb­st for­muliert oft weitaus präg­nan­ter, so auch im Abschnitt über den «Umgang mit dem beschädigten Kör­p­er» mit beispiel­haften Werken von Györ­gy Kurtág und Hel­mut Oehring. Nach dem oblig­a­torischen Kapi­tel über den Kör­p­er im musikalis­chen The­ater endet der Band etwas unver­mit­telt beim Kör­p­er des Rezip­i­en­ten, der Raumer­fahrung in der Klangkun­st und den Wahrnehmungsverän­derun­gen durch MP3-Play­er. Ein Schluss­wort wäre vielle­icht, allein der Dra­maturgie hal­ber, wün­schenswert gewe­sen, ist aber nicht unab­d­inglich. Kör­p­er Medi­en Musik ist ohne­hin kein selb­stver­liebter Essay, son­dern vielmehr eine kurz gehal­tene, fundierte Ein­führung in ein kom­plex­es Thema.
Mar­ti­na Seeber