Cerha, Friedrich

Konzert für Schlagzeug und Orchester / Impulse für Orchester

Verlag/Label: Kairos 0013242KAI
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/04 , Seite 76

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

Schade nur, dass man dem Perkus­sion­is­ten Grub­inger bei dieser CD-Ein­spielung zwar zuhören darf, aber ihn nicht zugle­ich sehen kann. Wer Grub­inger schon live erlebt hat, weiß, dass dessen Auftritte ein gle­icher­maßen akustis­ches wie optis­ches Phänomen sind: Die Hände und ihre einzel­nen Gelenke sind bei Grub­inger so durch­trainiert, dass dem­jeni­gen, der auf ihr wah­n­witzig flinkes Spiel blickt, die Bilder zu ver­schwim­men begin­nen.
Der Kom­pon­ist Friedrich Cer­ha gibt freilich abschlägi­gen Bescheid, wenn behauptet wird, er habe, ein der­ar­tiges Live-Erleb­nis vor Augen, sein Konz­ert für Schlagzeug und Orch­ester dem Auf­tragge­ber Mar­tin Grub­inger gle­ich­sam auf den Leib geschrieben. Er habe es vielmehr bewusst ver­mieden, sich von den Fähigkeit­en des Inter­pre­ten bei sein­er Kom­po­si­tion bee­in­flussen zu lassen. Cer­has äußer­lich der tra­di­tionellen dreisätzi­gen Form fol­gen­des Werk lässt Grub­inger denn auch eigentlich nur im scher­zoar­ti­gen Finale Raum zu tollem Wirbel auf Xylo­fon, Holzblöck­en und Log-Drums; bis auf einige freiere kaden­zielle Abschnitte bindet Cer­ha den Solis­ten son­st haupt­säch­lich in die sin­fonis­che Gesam­tan­lage ein.
Immer­hin: Grub­inger darf das Konz­ert mit einem wahren Gewit­ter von Pauken- und Trom­melk­län­gen eröff­nen und damit dem nervös wirk­enden Anfangssatz sofort den richti­gen Impuls ver­lei­hen. Doch liegt der Schw­er­punkt der Kom­po­si­tion ein­deutig auf dem zeitlich aus­gedehn­ten langsamen Mit­tel­satz, der sich als ger­adezu in die Roman­tik zurück­blick­endes Nacht­stück erweist. Beson­ders faszinierend ist es, wie Cer­ha in den unendlich weit auss­chwin­gen­den Schlusstak­ten mit min­i­malen Aktio­nen des Schlagzeugs über liegen­den Orch­ester­far­ben den Ein­druck erweckt, als ob in der nächtlichen Stille des Waldes leise Geräusche vernehm­bar wür­den: «ein Knack­en von Zweigen, ein Rascheln im Laub, ein müder leis­er Vogel­ruf …»
Gekop­pelt ist Cer­has Konz­ert auf der vor­liegen­den CD mit ein­er Ein­spielung sein­er 1992/93 ent­stande­nen Impulse für Orch­ester, hier wiedergegeben in der Konz­er­tauf­nahme von 1996 aus dem Salzburg­er Großen Fest­spiel­haus mit den Wiener Phil­har­monikern unter Pierre Boulez. Das im Auf­trag dieses Orch­esters ent­standene Werk erweist sich beim Anhören als bril­lante Studie über die Ver­wen­dung der Far­ben der Orch­ester­palette. Kein­er kon­ven­tionellen Form fol­gend, gestal­tet der Kom­pon­ist in seinen Impulsen Fol­gen unver­mit­telt wech­sel­nder See­len­zustände. In schle­ichen­den Klän­gen lauert und brütet die Musik, dann genießt sie Augen­blicke ruhi­gen Bei-sich-Seins, bevor sie von nervösem Vor­wärt­streiben erfasst wird und aus wil­dem Gewusel her­aus wahre Kanon­aden von Perkus­sion­sklän­gen abfeuert. Mächtige Klangsäulen reck­en sich empor, bevor nach der­ar­ti­gen Anstren­gun­gen Phasen der Erschöp­fung ein­treten. Bis zum musikalis­chen Expres­sion­is­mus, ja bis zu Gus­tav Mahler blickt diese faszinierende Par­ti­tur zurück, wenn isolierte Klangchiffren bedeu­tungsvoll her­aus­treten oder wenn Cer­ha das für Mahler so typ­is­che «Gezo­gen» der Stre­ich­er zitiert.

Ger­hard Dietel