Kosmos

Werke von George Crumb, György Kurtág, Karlheinz Stockhausen, Béla Bartók und Peter Eötvös

Verlag/Label: NEOS 20802
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/02 , Seite 84

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 3
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 4


Alpha und Omega, Anfang und Ende dieses har­monisch geschlosse­nen Kos­mos bilden die fer­nen Klopf- und Morseze­ichen von «Alpha Cen­tau­ri» und «Delta Ori­o­n­is» aus dem vierten und let­zten Makrokos­mos von George Crumbs großem Zyk­lus Celes­tial Mechan­ics für zwei Klaviere mit Prä­pa­ra­tio­nen, vie­len erweit­erten Spiel­tech­niken und elek­tro­n­is­ch­er Ver­stärkung. Das ini­tiale und finale Pochen der Stücke bildet die äußere Klam­mer der neuesten CD des gegen­wär­tig äußerst pro­duk­tiv­en GrauSchu­mach­er Piano Duos, das sein Pro­gramm in sym­metrischen Sphären­schicht­en ent­fal­tet. Über die Plan­eten Kurtág, Stock­hausen und Bartók näh­ern sich die Inter­pre­ten dem Fixstern Kos­mos von Peter Eötvös als namensgeben­dem Hauptwerk und Grav­i­ta­tion­szen­trum der CD, von wo aus die Reise in umgekehrter Folge über weit­ere Stücke der­sel­ben Tra­ban­ten kreb­s­gängig wieder zu Crumb zurückführt.
Eötvös kom­ponierte seinen Kos­mos 1961 als 17-Jähriger aus Begeis­terung über den ersten beman­nten Raum­flug Jurij Gagarins. Die Ver­sion von 1999 für zwei Klaviere begin­nt mit dem­sel­ben Urk­nall, dem als Echo lange nachrol­lende Triller fol­gen. Aus dieser ungestal­teten Klang­suppe bilden sich endlich kantige Massen, Mete­o­re und atmo­sphärische Schleier, die sich schließlich wieder in der Leere des Alls ver­dampfen. «Blu­men die Men­schen …», «Stern­musik» und vier andere Minia­turen aus Györ­gy Kurtágs Játékok lösen sich von tra­di­tionell tonalen motivisch-the­ma­tis­chen Fes­seln und teilen sich den­noch in äußer­ster Konzen­tra­tion sprach­haft mit. Sie ent­fal­ten einen struk­turellen Reich­tum an Tönen und Inter­vallen, der im Kleinen die rät­sel­hafte Wel­tord­nung des Ganzen widerzus­piegeln scheint. Ähn­lich­es gilt von Karl­heinz Stock­hausens zwölf Tierkreis-Melo­di­en, von denen vier zu hören sind, mit denen der Meis­ter die Sternze­ichen und Cha­raktere der unter ihnen gebore­nen Men­schen musikalisch in ihrem Wesenskern erfasst zu haben glaubte.
Anders ver­hält es sich bei den sieben Stück­en für zwei Klaviere aus Béla Bartóks Mikrokos­mos. Von freien Flug­bah­nen durch musikalisch-kos­mis­che Schw­erelosigkeit ist hier wenig zu spüren, kleben den Stück­en doch schwere Klumpen ungarisch­er und bul­gar­isch­er Bauern­musik an den Sohlen. Auch son­st bleibt der Zusam­men­hang zwis­chen den ins­ge­samt 22 musika­lischen Him­mel­skör­pern eher lose. Verbindun­gen zwis­chen ihnen schaf­fen vor allem die pro­gram­ma­tis­chen Werk­ti­tel und die mal mehr, mal min­der aus­geprägten kom­pos­i­torischen Vorstel­lun­gen von extra-ter­restrischen Wel­ten und inter­stel­laren Räu­men, die das seit fast dreißig Jahren zusam­men­spie­lende Pianis­ten-Paar als kon­ge­nial agierende Kos­mo­naut­en ein­drucksvoll zum Klin­gen bringt: «Die Sonne tönt nach alter Weise / In Brud­er­sphären Wettge­sang, / Und ihre vorgeschrieb­ne Reise / Vol­len­det sie mit Donnergang.»

Rain­er Nonnenmann