Kagel, Mauricio

L’œuvre pour violoncelle

Verlag/Label: Hérissons LH06
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/04 , Seite 92

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

Mauri­cio Kagel hat sich zwar zeit­lebens mit großer Erfind­ungs­gabe der klan­glichen Erweiterung seines Instru­men­ta­lap­pa­rats gewid­met, den­noch hegte er eine beson­dere Beziehung zum Cel­lo, einem Instru­ment, das er neben dem Klavier auch selb­st spielte. Nach eigen­em Bekun­den war es vor allem die Nähe zur men­schlichen Stimme im Umfang der Reg­is­ter, die Kagel faszinierte, was sich nicht zulet­zt in der Konzep­tion der Motet­ten niederschlug.
Dieser Affinität schenkt vor­liegende Pro­duk­tion erst­mals beson­dere Aufmerk­samkeit und präsen­tiert Klas­sik­er des «instru­men­tal­en The­aters» eben­so wie Kom­po­si­tio­nen aus den let­zten Schaf­fen­s­jahren. Dass Kagels the­atralis­che Konzep­tio­nen aus den 1960er und 1970er Jahren ohne den visuellen Fak­tor nur bed­ingt funk­tion­ieren, liegt auf der Hand, aber den­noch ver­misst man in diesen wun­der­baren Inter­pre­ta­tio­nen auch akustisch beina­he nichts, so sug­ges­tiv und präzise wird hier die Musik auch ohne Büh­nengeschehen ‹sicht­bar›.
Dies zeigt sich bere­its im leg­endären Match für drei Spiel­er (1964), wo Rohan de Saram, Christoph Roy (Vio­lon­cel­li) und Jean Charles François (Perkus­sion) eine hochk­las­sige Par­tie spie­len und sich die Bälle gekon­nt zuw­er­fen. Kagels hin­ter­sin­nige Iro­nisierung des Vir­tu­osen­tums und Konz­ert­be­triebs schlechthin in Form eines absur­den Wettstre­its egozen­trisch­er Aktio­nen und Reak­tio­nen wird hier ger­adezu mit Hän­den greifbar.
Klar, dass in dieser Werkschau Siegfried Palm als Ikone des mod­er­nen Cel­lo-Spiels all­ge­gen­wär­tig ist. Christophe Roy spielt eine hin­reißende Ver­sion von Siegfriedp’ (1971), wo in den vir­tu­osen Fla­geo­lett-Arpeg­gien und schrä­gen Lau­tar­tiku­la­tio­nen die Müh­sal der Inter­pre­ta­tion in Klang gegossen wird. Trotz­dem: bei Roy ent­fal­tet diese Musik ihre eige­nar­tige Schön­heit in fast schw­erelos­er Leichtigkeit. Auch Kagels Geschenk zum 60. Geburt­stag des großen Cel­lo-Vir­tu­osen ist zu hören: For us: Hap­py birth­day to you! für vier Vio­lon­cel­li, Gele­gen­heitswerk zwar, aber doch ein Ständ­chen mit abgründi­gen Untertönen.
Wie intel­li­gent, vielschichtig und ein­fall­sre­ich Kagel auf unter­schiedlich­ste musikalis­che Tra­di­tio­nen zugriff, man­i­festieren (teil­weise in Bear­beitun­gen) nicht nur ältere Stücke wie Gen­er­al Bass für kon­tinuier­liche Instru­mentalk­länge (1971/72) und Unguis incar­na­tus est für Klavier und … (1972), eine charis­ma­tis­che Hom­mage, die sich mit hör­bar­er Vernei­gung der zukun­ftsweisenden Reduk­tion und Düster­n­is des späten Liszt wid­met. Neben den Mag­ic Flutes (2004) in ein­er Ver­sion für zwölf Cel­li, wo expres­sive Gesten der Jahrhun­der­twende wie Irrlichter auf­flack­ern, sind es vor allem die Motet­ten für acht Vio­lon­cel­li (2004), die hier großen Ein­druck machen. Sie zeigen Kagel auf der absoluten Höhe sein­er Kun­st sub­til­er Tra­di­tion­sre­flex­io­nen. Im ständi­gen Wech­sel der Klang­bilder und Erzählper­spek­tiv­en, die unzäh­lige Anklänge und Spuren bere­its vorhan­den­er Werke (ins­beson­dere der ‹klas­sis­chen Mod­erne›) enthal­ten, erweist sich das Ensem­ble NOMOS als bril­lanter Regis­seur eines musikalis­chen The­aters von Musik über Musik.
Dirk Wieschollek