Nono, Luigi

La Lontananza Nostalgica Utopica Futura + Hans van Eck: Nuctemeron

Verlag/Label: SubRosa SR309
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 90

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 4


Lo Lon­tanan­za Nos­tal­gi­ca Utopi­ca Futu­ra, Madri­gale per più ‹Cam­i­nantes› con Gidon Kre­mer ist eine Kom­po­si­tion für Vio­line und Ton­band, die Lui­gi Nono Ende der 1980er Jahre für den Vio­lin­is­ten Gidon Kre­mer schrieb. Was mit einem spielerischen Akt begann, scheint sich bald in eine ambiva­lente Angele­gen­heit entwick­elt zu haben. Anders lässt es sich näm­lich nicht erk­lären, dass der Kom­pon­ist zwei Tage vor der Pre­miere des Stücks noch immer keine Par­ti­tur für seinen Instru­men­tal­is­ten ange­fer­tigt hat­te. Lediglich das Ton­band lag vor, das elek­tro­n­isch bear­beit­ete Vio­li­nen-Impro­vi­sa­tio­nen beinhaltete.
Zweifelte Nono etwa an sein­er Kom­position, die er in Kre­mers Anwe­sen­heit let­z­tendlich doch been­dete? Der Vio­lin­ist hat­te schließlich nur zwei Tage Zeit, die kom­plex­en Note­nar­chitek­turen aus ungewöhn­lich hohen Tö­nen und erweit­erten Spiel­tech­niken einzus­tudieren, bevor das Stück uraufge­führt wurde. Eine vir­tu­ose Leis­tung, die in sechs Abschnitte unterteilt ist. Selb­st in den leis­es­ten Pas­sagen wirkt die Musik ruh­e­los. Sie ist ständig in Bewe­gung und navigiert immer wieder auf hohe Laut­stärken zu, die plöt­zlich ein­set­zen und erschrecken.
Der Instru­men­tal­ist begleit­et nicht ein­fach das Ton­band. Das Stück ist als offenes Sys­tem angelegt und bindet auch den Ton­tech­niker in die Aus­führung mit ein. Bei­de Pro­tag­o­nis­ten müssen aufmerk­sam aufeinan­der hören, Ein­sätze gestal­ten, der Kom­po­si­tion eine sin­nvolle Form geben. Außer­dem wird vom Instru­men­tal­is­ten ver­langt, immer wieder seine Posi­tion im Konz­ert­saal zu wech­seln und sich an unter­schiedliche Punk­te des mehrkanali­gen Laut­sprech­er-Set­tings zu stellen – eine akustis­che Wan­derung, die auch im Titel anklingt. Immer wieder hört man auf der Auf­nahme jeman­den sprechen – ein gespen­stis­ch­er Effekt, da man zunächst nicht weiß, woher die Stim­men kom­men. Sehr ein­drucksvoll sind die Momente, in denen die Elek­tron­ik wie eine große Meereswelle den akustis­chen Klang der Vio­line mit dicht­en Sounds einnimmt.
Kom­ple­men­tiert wird Nonos Stück mit ein­er Arbeit des Kom­pon­is­ten Hans van Eck für das Schreck Ensem­ble. Nucte­meron ist eine Kom­po­si­tion, die für das Musik­the­ater geschrieben wurde. Obwohl die visuellen Ein­drücke, Video­pro­jek­tio­nen, der Auf­führung fehlen, hat das keine Auswirkung auf die Sog­wirkung der Musik, die sehr atmo­sphärisch ist, dun­kle Klang­wolken aufziehen lässt und nächtliche Impres­sio­nen zeich­net. Im Mit­telpunkt ste­ht die Vio­line, gespielt von Tiziana Pin­tus. Mit vollem und klarem Ton inter­agiert sie mit Sopran, Klar­inette und Elek­tron­ik. Jede Bewe­gung wirkt bis ins let­zte Detail durchge­plant. Eine Strenge und math­e­ma­tis­che Präzi­sion bes­tim­men den Sound. Unsauberkeit­en, wie sie etwa in Nonos Stück auftreten kön­nen, sind nicht erwün­scht. Inter­es­sant sind die elek­tro­n­is­chen Inter­lu­di­en, die von einem speziellen Instru­ment wiedergegeben wer­den – dem Strat­i­fi­er, der in mono­chromen Klang­wän­den, dröh­nen­den Liegetö­nen und dig­i­tal­en Nebelschwaden tönt. In diesen Momenten erin­nert die Musik an einen Sound, der wom­öglich aus fer­nen Galax­ien kommt und die Unendlichkeit des Alls bere­its durch­quert hat.

Raphael Smarzoch