Ferrari, Luc

Madame de Shanghai / Après presque rien / Visage 2

Verlag/Label: mode records, mode 228
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 30

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Einen viel­seit­igeren Kom­pon­is­ten kann man sich schw­er­lich vorstellen. Kon­ven­tionelle Ensem­blepar­ti­turen hat Luc Fer­rari (1929–2005) eben­so wenig ver­­schmäht wie Impro­vi­sa­tion, offene Form, Radiokun­st und Klan­gin­stal­la­tion. Sei­ne größte Stärke lag jedoch in der Zusam­men­führung instru­men­taler Klangsphären mit Tech­niken der Band­kom­po­si­tion, wie sie die Musique con­crète aus­geprägt hat­te, zu deren Pro­tag­o­nis­ten Pierre Scha­ef­fer und Pierre Hen­ry Fer­rari enge Verbindun­gen unter­hielt. Stilis­tis­ch­er Puris­mus war dem großen Exper­i­men­ta­tor der franzö­sis­chen Mu­sik schon in den frühen 1950er Jahren sus­pekt, stattdessen schuf Fer­rari hybride Klang-Gebilde, von deren Stim­migkeit sich manch junger Mul­ti­me­di­al­ist der Jet­ztzeit einige Scheiben abschnei­den kön­nte. Auch dies wird in der zweit­en Folge der «Edi­tion Luc Fer­rari» bei mode offenkundig, die vom frühen Seri­al­is­mus bis zur Sam­ple-Tech­nik fast ein halbes Jahrhun­dert über­brückt und dabei mit zwei Erstein­spielun­gen aufwartet.
Vis­age 2 für Blech­bläs­er und Schlagzeug (1955/56) klingt mit seinem über­steigerten Punk­tu­al­is­mus fast wie eine Iro­nisierung der seriellen Musik mit im Raum verteil­ten Musik­ern, die eine ‹Verkör­per­lichung› der Rei­hen­tech­nik gewährleis­ten sollen. Ein erstaunlich­es Stück, das der­art chao­tis­che Züge entwick­elt, als solle der Ratio­nal­is­mus der Darm­städter Avant­garde hier bewusst in Trüm­mer gehauen wer­den.
Ein wun­der­bares Beispiel für Fer­raris «Musique anec­do­tique» gibt Madame de Shang­hai für drei Flöten und dig­i­tal gespe­icherte Klänge (1996) ab, das sta­tionäre Holzbläser­flächen mit urba­nen Real­geräuschen ver­mis­cht, die Fer­rari in der Avenue d’Ivry im 13. Arondisse­ment von Paris, dem asi­atis­chen Vier­tel der Stadt, auf­nahm. Dort schickt er eine junge Chi­nesin auf die Reise durch den urba­nen (vornehm­lich viet­name­sisch geprägten) Sprach- und Sounddschun­gel, um ein Video von Orson Welles’ Film The Lady of Shang­hai zu besor­gen. Fer­raris vielschichtige Mix­tur aus Klang­land­schaft und Hör­spiel entwick­elt hier wahrschein­lich ger­ade deshalb ganz beson­dere Inten­sität, weil Real­is­tik und Phan­tastik, Fel­dauf­nahme und poet­is­che Insze­nierung sich bis zur Unken­ntlichkeit ver­mis­chen.
Fer­raris Wille, Kun­st und Leben in ein­er het­ero­ge­nen Klang­to­pografie zu vere­inen, ist auch im aus­laden­den Après presque rien für 14 Instru­mente und zwei Sam­pler (2004) kurz vor seinem Tod noch unge­brochen: eine burlesk-vir­tu­ose Reak­tion auf die frühere Presque rien-Serie. Fer­raris dor­tige Über­ant­wor­tung an die Plan­losigkeit im Rah­men eines betont unkonzeptuellen, impul­siv­en Kom­ponierens fördert da­bei hals­brecherische Klavier­pas­sagen eben­so zu Tage wie Realien aus Film, Markt­­platz und Spiel­hölle — ein Klang-Karus­sell, das sich am Ende mit bedrohlich­er Auswe­glosigkeit im Kreis dreht.

Dirk Wieschollek