Reese, Kirsten

Medien Klang Konstellationen / Media Sound Constellations

hg. von Julia Gerlach englisch/deutsch, mit Audio-CD

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/04 , Seite 101

Kirsten Reese hat Flöte, elek­tro­n­is­che Musik und Kom­po­si­tion studiert, außer­dem schreibt sie Radiosendun­gen und Fea­tures; sie hat an der Ham­burg­er Musikhochschule zur zeit­genös­sis­chen Musik, Gen­der und neuen Medi­en geforscht und unter­richtet seit 2005 an der Berlin­er Uni­ver­sität der Kün­ste inter­me­di­ale Kom­po­si­tion und Land­schaft­sklangkun­st. Jet­zt hat die viel­seit­ige Kün­st­lerin einen schön gestal­teten, reich bebilderten Kat­a­log in Englisch und Deutsch vorgelegt, der einen Überblick über ihre kün­st­lerische Arbeit liefert und neben ein­er aus­führlichen Doku­men­ta­tion mit Erläuterun­gen von Reese selb­st eine CD mit Aus- und Mitschnit­ten von den Audioparts ver­schieden­er Instal­la­tio­nen und Per­for­mances enthält.
Im Text­teil find­en sich ein Gespräch zwis­chen Kirsten Reese und der Her­aus­ge­berin Julia Ger­lach sowie ein Essay von Mar­i­on Sax­er: Bei­de ver­mit­teln einen guten Ein­blick in die Denk- und Arbeitsweise der Kün­st­lerin. Medi­en Klang Kon­stel­la­tio­nen, so der Titel des Ban­des, ver­weist auf den zen­tralen Aspekt in Reeses Werk: Die Kom­bi­na­tion unter­schiedlich­ster Medi­en und Tech­niken stellt für die Kün­st­lerin eine Selb­stver­ständlichkeit dar; häu­fig bezieht sie ein­fache, gefun­dene Objek­te mit ein. Klangkun­st, elek­tro­n­is­che Musik, Impro­vi­sa­tion oder Per­for­mance, die erst im späten 20. Jahrhun­derts als eigen­ständi­ge kün­st­lerische For­men Anerken­nung fan­den, gehören für Reese zu den selb­stver­ständlichen Möglichkeit­en kün­st­lerischen Arbeit­ens. Für jede Arbeit entwick­elt sie ein eigenes medi­ales Set­ting. Dabei nutzt sie die heute selb­stver­ständliche Ver­füg­barkeit aller Arten von Spe­ich­ern und Archiv­en eben­so wie die Möglichkeit­en, beliebiges Audio- wie Video­ma­te­r­i­al in Echtzeit zu mod­i­fizieren und das Geschehen vor Ort mit gespe­ichertem Mate­r­i­al zu kom­binieren. Immer wieder nutzt Reese die Auseinan­der­set­zung mit der spez­i­fis­chen Logik der einzel­nen Medi­en und Geräte dafür, das Pub­likum zur Reflex­ion der eige­nen Wahrnehmungsmuster und ‑gewohn­heit­en zu bewegen.
«Aus­ge­hend von dem, was da ist» – so entste­hen, sagt Kirsten Reese, die Ideen für ihre Arbeit­en. Viele ihrer Instal­la­tio­nen sind Erkun­dun­gen der Orte, Räume und Sit­u­a­tio­nen, in denen sie eine Instal­la­tion präsen­tiert. In den inten­siv­en und geduldigen Recherchen am Beginn jedes Pro­duk­tion­sprozess­es zeigt sich die Nähe ihrer kün­st­lerischen zu wis­senschaftlichen Strate­gien. Das wis­senschaftliche Arbeit­en ken­nt die 1968 geborene, heute in Berlin lebende Kün­st­lerin aus eigen­er Erfahrung und sie weiß, wie sie es für ihre Kun­st pro­duk­tiv machen kann. Kirsten Reeses Arbeitsweise zeich­net sich beson­ders durch die Viel­seit­igkeit ihrer Medi­en­ver­wen­dung aus. Auf­fäl­lig ist zudem die Gelassen­heit gegenüber medi­en­spez­i­fis­chen Effek­ten, die die Sou­veränität der kün­st­lerischen Gestal­tung zwangsläu­fig ein­schränken. Reese erzielt diesen Effekt in ihren Per­for­mances und Instal­la­tio­nen häu­fig ganz bewusst, etwa wenn sie in iny­ib die Auswahl des Klang­ma­te­ri­als den Musik­ern über­lässt oder wenn die Besuch­er der Instal­la­tion lul­la­bies mit ein­er Web­cam die Para­me­ter des syn­thetisierten Klanggeschehens mod­i­fizieren können.
Sabine Sanio