Fanning, David

Mieczyslaw Weinberg

Auf der Suche nach Freiheit

Verlag/Label: Wolke, Hofheim 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 93

Da sich derzeit einige größere Fes­ti­vals sein­er Musik wid­men und Julia Rebec­ca Adler, Solo­bratscherin der Münch­n­er Phil­har­moniker, kür­zlich seine Sonat­en für Vio­la solo über­aus gewin­nend ein­spielte (NEOS Music 11008/09), bleibt zu hof­fen, dass sich der Name Mieczys­law Wein­berg allmäh­lich herum­spricht. Wozu auch die erste Wein­berg-Mono­grafie beitra­gen sollte, die der Ver­lag Wolke eben in deutsch­er Über­set­zung her­aus­brachte. Ver­fass­er ist der englis­che Musik­forsch­er David Fan­ning, den seine Schriften über Carl Nielsen und Schostakow­itsch bekan­nt macht­en. Er bürgt für flüs­si­gen Schreib­stil und eine über­sichtliche Stof­fgliederung. Ent­deck­erische Lei­den­schaft durch­pulst seine Zeilen.
Während das Buch anfangs den kriegs­be­d­ingten Ortswech­seln des Kom­pon­is­ten fol­gt, sind die Kapitelein­teilun­gen sein­er Moskauer Leben­s­jahre eher schaf­fens­bi­ografisch bed­ingt («Musik für das Volk und die Völk­er», «Die Haft und ihre Nach­wirkun­gen», «Auf­schwung», «Anerken­nung und Pro­duk­tiv­ität», «Rück­zug in die Kun­st»). Im Schlusskapi­tel wagt der Autor eine vor­sichtig optimis­tische Prog­nose hin­sichtlich der Zukun­ftschan­cen von Wein­bergs Musik.
Indem er seine «Lebenserzäh­lung» durchgängig mit Selb­stzeug­nis­sen des Kom­pon­is­ten, Äußerun­gen von Zeitzeu­gen, Fre­un­den und Ken­nern Wein­bergs, offiziellen Ver­laut­barun­gen und Fotos samt Haf­tent­las­sungss­chein unter­mauert und ver­an­schaulicht, nähert sich sein Buch dem Typus der kri­tis­chen Doku­men­tar­bi­ografie. Kri­tisch insofern, als sich Fan­ning in Zweifels­fällen nicht auf eine Quelle ver­lässt. So zieht er mehrfach den pol­nis­chen Kom­pon­is­ten Krzysztof Mey­er zu Rate, der eben­so wie Wein­berg zum Fre­un­deskreis von Dmitri Schostakow­itsch gehörte. Was auch für Ein­schätzun­gen gilt, die Wein­bergs Charak­ter und Wesen­sart betreffen.
Im Kriegs­jahr 1943 hat­te Schostakow­itsch dem pol­nis­chen Emi­granten die Über­sied­lung nach Moskau ermöglicht, wo er den Rest seines Lebens ver­brachte. Die Für­sprache, die ihm dieser erwies, und bei­der Fre­und­schaft gaben Wein­berg Über­leben­skraft und kün­st­lerisches Richt­maß. Doch hielt sich der Jün­gere unab­hängig von den Ton­fällen seines «Lehrers» wie den Strö­mungen der west­lichen Mod­erne. Ähn­lich Schostakow­itsch hin­ter­ließ Wein­berg, der 1996 in Moskau starb, ein Kon­vo­lut von Sym­phonien und Stre­ichquar­tet­ten (26 bzw. 17). Die Oper Die Pas­sagierin, die ein Auschwitz-Sujet behan­delt, hält Fan­ning für sein bedeu­tend­stes Werk. Wie dem auch sei: Ohren auf für Weinberg!

Lutz Lesle