Oehring, Helmut

Mit anderen Augen

Vom Kind gehörloser Eltern zum Komponisten

Verlag/Label: btb, München 2011 | 256 Seiten
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 90

Einige Monate nach seinem 50. Geburt­stag hat der Kom­pon­ist Hel­mut Oehring ein Buch vorgelegt, das er zwar nicht eigens als «Auto­bi­ografie» deklar­i­ert, dem es jedoch an per­sön­lichen Beken­nt­nis­sen nicht man­gelt. Darin verzichtet der Autor – ent­ge­gen dem Unter­ti­tel «Vom Kind gehör­los­er Eltern zum Kom­pon­is­ten» – auf eine chro­nol­o­gis­che Erzäh­lung und ver­webt in reich­lich assozia­tiv­er Manier Erin­nerun­gen an sein bish­eriges Leben mit Werkbeschrei­bun­gen, mit Kom­mentaren zur Tages- und Kul­tur­poli­tik, mit ein­er Vielzahl von Textz­i­tat­en sowie mit eige­nen Über­set­zun­gen aus der Gebär­den­sprache.
Diese Mis­chung aus Poe­sie und Prosa liest sich mitunter etwas hal­b­gar – so als wolle Oehring sich seine exis­ten­ziellen Erleb­nisse im Rah­men eines kurzat­mi­gen «Stream of Con­scious­ness» von der Seele schreiben. Das mag ein­er Selb­stvergewis­serung des Autors zwar förder­lich sein, ist dem all­ge­meinen Nachvol­lzug ein­er so wech­selvollen wie vielschichti­gen Kün­stlervi­ta allerd­ings eher abträglich. Und auch wenn manch­es der 15 Kapi­tel aus den het­ero­ge­nen Textsorten «kom­poniert» erscheint, so war der btb-Ver­lag bis­lang nicht unbe­d­ingt für seine formell gewagten Kün­stler­büch­er bekan­nt, weshalb solche Ambi­tio­nen im Satz­bild dann auch schnell an ihre Wirkungs­gren­zen stoßen.
Inhaltlich fokussiert Oehring auf seine Erfahrun­gen als so genan­ntes CODA-Kind, als Child of Deaf Adults, das schon früh zwis­chen sein­er gehör­losen Fam­i­lie und der Welt der Hören­den ver­mit­teln sollte. Das in dem «Dazwis­chen» vielfach und tragisch erlebte Scheit­ern von Kom­mu­nika­tion hat in Oehrings musikalis­chem Werk berühren­den Aus­druck gefun­den, und sein Buch führt diesen in manch humor­voller, manch trau­riger Episode fort, so z. B. in der Beschrei­bung eines Gehör­losen-Sportler­balls mit wie zum Trotz auf­spie­len­der Band oder in der Erin­nerung an einen Badeaus­flug, bei dem der Vater sein mit dem Ertrinken kämpfend­es Kind zunächst «über­hört».
Das Aus­geliefert­sein an einen All­t­ag, dessen Insti­tu­tio­nen das Hören wie selb­stver­ständlich voraus­set­zen, ist also ein­fühlsam beschrieben. Daneben wäre nun aber auch eine einge­hende Re­flexion von Oehrings kün­st­lerischem Umfeld wün­schenswert gewe­sen. Der Unter­richt bei Georg Katzer, die Zusam­me­nar­beit mit der Gebär­den­solistin Christi­na Schön­feld und dem Gitar­ris­ten Jörg Wilk­endorf, eben­so die kreative Allianz mit Iris ter Schiphorst sind dann doch allzu schnell abge­hakt – hier hätte man dem Autor die gle­iche Liebe zum Detail gewün­scht, die er der seit­en­lan­gen Beschrei­bung adoleszenz­bedingter Grausamkeit­en (nicht sel­ten zum Lei­d­we­sen der Leser) angedei­hen lässt. Auch von seinem Aussteiger­da­sein in der DDR Anfang der 1980er Jahre und sein­er «Nach­wen­de­pech­strähne» inklu­sive zeitweiliger Hero­in­ab­hängigkeit bleiben nur Andeu­tun­gen übrig, die eher einen Mythos nähren anstatt neue Ein­sicht­en zu schaf­fen.
Obwohl oder bess­er: ger­ade weil der Rezensent Hel­mut Oehrings Werk und sein kün­st­lerisches Cre­do sehr schätzt, ent­pup­pte sich dieses Buch in sein­er man­gel­nden Klarheit und mit seinen stilis­tis­chen Schwächen als eine Ent­täuschung.

Fabi­an Schwinger