Dusapin, Pascal

Morning in Long Island

Verlag/Label: Deutsche Grammophon 4810786
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/04 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 3

Wie wird man Kom­pon­ist? Möglicher­weise durch ein Erweck­ungser­leb­nis. Als der Fran­zose Pas­cal Dusapin im Alter von 18 Jahren eine Auf­führung von Edgard Varès­es Arcana erlebte, stand das Beruf­sziel des schöpferischen Musik­ers schla­gar­tig fest. Varèse (als «musikalis­ch­er Groß­vater») und sein unmit­tel­bar­er Lehrer Ian­nis Xenakis (der «musikalis­che Vater») als Vor­bilder formten Kün­stler­per­sön­lichkeit und Musikäs­thetik Dusap­ins. Zum Umgang mit den großen Orch­ester­massen, zur qua­si skulp­turalen Mod­el­lierung des Klangs wurde Dusapin von ihnen angeregt. Dazu mö­gen Ein­flüsse von Olivi­er Mes­si­aen kom­men, wenn Dusapin in Orch­ester­w­erken, wie sie auf der vor­liegen­den CD doku­men­tiert sind, in unter­schiedlichen Zeit­di­men­sio­nen denkt und simul­tan ganz langsam ablaufende Prozesse von schnelleren Bewe­gun­gen in anderen Stim­men über­lagern lässt.
Inhaltlich richtet diese CD den Blick auf eine Schnittstelle in Dusap­ins Orch­ester­schaf­fen, das sich im­mer wieder in ganzen Werkrei­hen organ­isiert. Von den sieben 1992 mit Go begonnenen «Solos» sind hier in ein­er Ein­spielung des Orchestre Phil­har­monique de Radio France unter Myung-Whun Chung die bei­den let­zten Stücke Rever­so und Uncut doku­men­tiert, von einem neuen Pro­jekt naturin­spiri­ert­er «Konz­erte für Orch­ester» ein mit Morn­ing in Long Island betitel­ter Anfang­steil, der sein­er von Dusapin geplanten Fort­set­zung noch har­rt.
Einem monodis­chen Grund­prinzip verpflichtet sind die «Soli», welche dem Kom­pon­is­ten zufolge «über die Idee der reinen Lin­ie nach­denken sollen, doch ohne alle Poly­phonie». Das Para­dox der Ein­stim­migkeit in der Viel­stim­migkeit real­isiert Dusapin bei Rever­so in Gestalt eines gewalti­gen musikalis­chen Mahlstroms, dessen ruhige Grundlin­ie immer wieder von min­i­malen Kräusel­be­we­gun­gen über­lagert ist. Das soghafte Vor­wärtsstreben der Musik wird aber auch gele­gentlich von hefti­gen Impulsen durch­set­zt, als breche sich die son­st stetige Bewe­gung des Klangflusses an Klip­pen und Schnellen. Vor allem auf Blech­bläserk­lang gestellt ist das Final­stück «Rever­so»: eine Studie mit wuchti­gen, unter Grav­i­ta­tion­skräften im Raum rotieren­den Klang­massen, in der hin­ter kom­pos­i­torischen Anre­gun­gen durch Varèse sog­ar noch Erin­nerun­gen an den musikalis­che Expres­sion­is­mus und die spätro­man­tis­che Sin­fonik eines Bruck­n­er und Mahler durch­scheinen.
Gegenüber Rever­so und Uncut wirkt die mehrteilige Kom­po­si­tion Morn­ing in Long Island durch­sichtiger in ihrem Klangge­füge, wenn auch nicht grund­sät­zlich anders gestal­tet als die Folge der «Solos». Die Natur­inspiration der Musik des Morn­ing bleibt fern von Abbild­haftigkeit. Auf den dop­pel­ten Brechungsef­fekt legt Dusapin Wert: Dass der Naturein­druck in der Seele gespiegelt und erst von dort wieder in eine klan­gliche Vision umge­set­zt wird, ist sozusagen seine mod­erne Para­phrase von Beethovens Devise bei Kom­po­si­tion sein­er Pas­toralsin­fonie: «mehr Empfind­ung als Malerei».

Ger­hard Dietel