Schönberg, Arnold

Moses und Aron

Produktion der Ruhrtriennale 2009

Verlag/Label: EuroArts 2058178
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 84

Die riesige Jahrhun­derthalle in Bochum, ein Indus­triedenkmal aus dem frühen 20. Jahrhun­dert, war schon mehrfach Schau­platz spek­takulär­er Musik­the­aterin­sze­nierun­gen, so etwa 2006 mit Bernd Alois Zim­mer­manns Sol­dat­en. Die ungewöhn­lichen Dimen­sio­nen und die vol­lkom­men offe­nen Struk­turen laden dazu ein, den Raum auf architek­tonis­che Weise als Insze­nierungspa­ra­me­ter zu nutzen. Die Ruhrtri­en­nale 2009 legte nun mit einem in jed­er Hin­sicht auf­se­hen­erre­gen­den Moses und Aron von Arnold Schön­berg nach. Die Zuschauer sitzen sich auf zwei steil ansteigen­den Ram­p­en gegenüber, die zen­trale Spielfläche befind­et sich dazwis­chen, das Orch­ester sitzt seitlich. Der Büh­nen­bild­ner Wolf­gang Guss­mann arbeit­et mit weni­gen beweglichen Bühnenele­menten. Auf dem Haupt­spielort zwis­chen den Zuschauer­ram­p­en kann mit schnell aufge­zo­ge­nen, trans­par­enten Wän­den ein Raumkubus errichtet wer­den, so dass sich das Geschehen unver­mit­telt in einen von außen ein­se­hbaren Innen­raum ver­lagert. In den Wun­der-Szenen des ersten Akts ist dieser trans­par­ente Raum auch Schau­platz von
raf­finierten 3D-Pro­jek­tio­nen, hingeza­ubert vom Licht­de­sign­er Andreas Grüter und dem Video­pro­duzen­ten Johannes Gre­bert. Illu­sionär­er Wun­der­glaube ist sel­ten so schlüs­sig auch in eine Pub­likum­sil­lu­sion umge­set­zt worden.
Willy Deck­er nutzt diese flex­i­ble Architek­tur für eine Insze­nierung, die neben der zen­tralen Spielfläche auch die Zuschauer­tribü­nen und sog­ar das Orch­ester­podi­um als Schau­platz ein­bezieht. Die großen Dis­tanzen über­brückt er mit ein­er mitreißend dynamis­chen Regie, in der die Chor­massen Bilder von erre­gen­der Dra­matik erzeu­gen. Was das von Rupert Huber ein­studierte Chor­W­erk Ruhr leis­tet, ist bravourös, und dem Diri­gen­ten Michael Boder gelingt das Kun­st­stück, das räum­lich kom­plex aufge­fächerte Geschehen mit dem anspruchsvollen Orch­ester­part so zu koor­dinieren, als han­dle es sich um Guck­kas­tenthe­ater. Zur äußeren Dra­matik der Massen­szenen bildet das Pro­tag­o­nis­ten­paar Moses (Dale Duesing) und Aron (Andreas Con­rad) einen kraftvollen Gegen­pol. Ihr Kampf um die Wahrheit, den sie gle­icher­maßen mit- wie gegeneinan­der aus­tra­gen, führt zu Momenten von größter Inten­sität. Dank der Bil­dregie, die die bei­den Charak­tere in vari­anten­re­ichen Nahauf­nah­men zeigt, hat hier der Filmzuschauer wom­öglich sog­ar einen Vorteil gegenüber dem Live-Publikum.
Bei all dieser Leichtigkeit darf man nicht vergessen: Noch lange nach der szenis­chen Urauf­führung des Werks in Zürich 1957 waren die aus­gedehn­ten, enorm schwieri­gen Chor­par­tien ein Haupthin­der­nis für die Ver­bre­itung des Werks; fün­fzig Jahre später verbinden sich in dieser Insze­nierung musikalis­che und szenis­che Qual­itäten zu ein­er Dar­bi­etung auf aller­höch­stem Niveau.
Zum pack­enden Gesamtein­druck, den diese Pro­duk­tion auch am Bild­schirm macht, trägt die Bil­dregie von Hannes Rossach­er maßge­blich bei. Mit ihren wech­sel­nden Blick­en in die Tiefe des Raums, den Charak­ter­stu­di­en der bei­den Pro­tag­o­nis­ten und – beson­ders spek­takulär – mit der senkrecht­en Sicht aus der Höhe der Halle auf die Bewe­gungsmuster der Chor­massen sind die Kam­er­ap­er­spek­tiv­en schlicht atemberaubend.

Max Nyffeler