Gee, Erin

Mouthpieces

Verlag/Label: col legno WWE 1CD 20409
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/03 , Seite 83

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 4

Mit den für ihre eigene Stimme geschriebe­nen Mouth­pieces ist die US-amerikanis­che Kom­pon­istin und Per­formerin Erin Gee bekan­nt gewor­den: ein­er Gruppe von Werken, die in ihrem Œuvre dominiert und im Jahre 2000 ganz beschei­den mit dem zweim­inüti­gen, ohne alle Begleitung ausk­om­menden Mouth­piece I begann (dieses Ursprungsstück der Serie ist, qua­si als Zugabe, als Schlussnum­mer, in der vor­liegen­den CD-Ein­spielung doku­men­tiert). Sei­ther haben sich For­men und Beset­zun­gen von Erin Gees Arbeit­en geweit­et. Doch ein­er­lei, ob die Musik­erin nun zusam­men mit dem ORF Radio-Sym­phonieorch­ester Wien auftritt, mit dem Klang­fo­rum Wien oder mit dem eben­falls aus Öster­re­ich stam­menden Neue-Musik-Ensem­ble Phace – es ste­hen stets Laute aller Art, die sie mit ihrem Stim­mor­gan formt, im Zen­trum ihrer Kun­st. Gees Mund­höh­le ist die Quelle der akustis­chen Erschei­n­un­gen, auch wenn diese sich einen ver­bre­it­ern­den instru­men­tal­en Klan­gleib zu ver­schaf­fen suchen.
Nachvol­lziehen lässt sich dies beim Anhören der Mouth­pieces VII, IX und X, die in Live-Auf­nah­men vor­liegen, die während des steirischen herbs­ts, des Graz­er impuls-Fes­ti­vals oder den Wit­ten­er Tagen für neue Kam­mer­musik in den Jahren 2005 bis 2008 ent­standen sind, und auch bei dem Mouth­piece Seg­ment of the 3rd let­ter, das in ein­er Stu­dio­pro­duk­tion zu erleben ist. Stets sind die Lautäußerun­gen Gees san­ft in ein bre­it mäan­dern­des Band aus Instru­mentalk­län­gen einge­bet­tet. Dem Hör­er begeg­net eine in ihrer Grund­konzep­tion monodis­che Musik, welche die stets im Zen­trum ste­hende Men­schen­stimme eng mit den sie umgeben­den Instru­mentalk­län­gen ver­webt und oft ger­adezu mit ihnen ver­schmelzen lässt.
Mit Laut­en aller Art, mit Sprechen und Stam­meln, Wis­pern und Flüstern, Gemurmel und Gebrabbel, Plap­pern, aber auch mit in der Ton­höhe klar artikulierten Vokalisen äußert sich die Kün­st­lerin, dazu noch mit Gau­men- und Kehllaut­en, Pfeifen, Prusten, Schnalzen und bloßen Luft­geräuschen. Die Botschaften, welche sie aussendet, bleiben für den Empfänger freilich rät­sel­haft. Sie sind in ein­er nicht dechiffrier­baren Fan­tasiesprache gehal­ten, deren Ver­ständlichkeit zusät­zlich durch Frag­men­tierung lei­det. Es ist, als belausche der Hör­er Teile eines heim­lich geführten Gesprächs, wenn nicht gar einen inneren Monolog, der gar nicht an die Ohren der Außen­welt adressiert ist.
Man kann Erin Gees Mouth­pieces wohl in eine kün­st­lerische Ahnen­rei­he stellen, doch wird dabei zugle­ich ihre kün­st­lerische Selb­st­ständigkeit deut­lich. Denn von den musik­na­hen Laut­po­e­men der Dadais­ten tren­nt sie deren kul­turkri­tis­ch­er und pro­voka­torisch­er Impuls, von der Stim­makro­batik ein­er Cathy Berber­ian der Zug der Let­zteren zur Extro­ver­sion und Ausstel­lung der Vir­tu­osität. Die Kun­st Erin Gees ver­läuft eher antirhetorisch, ohne große Erre­gungs­bö­gen und Klangspitzen. Feinzise­liert in den Details, enig­ma­tisch in ihrer Wirkung ruht sie in sich selbst.

Ger­hard Dietel