Heucke, Stefan

Nikolaus Groß

Oratorium für Soli, Chöre, Orgel und Orchester op. 62

Verlag/Label: 2 CDs, Acousence ACO-CD 1111
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 82

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

Im Jahr 2001 wurde Niko­laus Groß, der am 23. Jan­u­ar 1945 in Berlin-Plötzensee wegen sein­er Kon­tak­te zu Wider­stand­skreisen durch den Volks­gericht­shof verurteilt und hin­gerichtet wurde, von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen. Groß war ein­er von den so genan­nten «kleinen Leuten» im Ruhrge­bi­et gewe­sen, die sich aus christlich-katholis­chen Motiv­en gegen die Nation­al­sozial­is­ten gewandt hat­ten.
Möglicher­weise hätte der Kom­pon­ist Ste­fan Heucke nie vom Schick­sal des Niko­laus Groß erfahren, wäre nicht 2007 das Bis­tum Essen an ihn herange­treten mit dem Auf­trag, zum zehn­ten Jahrestag der Seligsprechung von Groß im Okto­ber 2011 ein Ora­to­ri­um zu schreiben.
Der Protes­tant Heucke sagte zu – auch weil der überzeugte Katho­lik Groß im Gebet mit protes­tantis­chen Mithäft­lingen den öku­menischen Gedanken hochge­hal­ten hat­te. Heucke sagte auch zu, weil er so die Beschäf­ti­gung mit dem Nation­al­sozial­is­mus nach sein­er Oper Das Frauenorch­ester von Auschwitz fort­set­zen kon­nte. Einzige Bedin­gung Heuck­es: Das Libret­to sollte sein Brud­er, der His­torik­er Clemens Heucke, schrei­ben, dessen Schreib­duktus so Ste­fan Heucke, für ihn gut in Musik umzuset­zen sei. Kom­pon­ist und Libret­tist soll­ten sich einge­hend mit den Briefen und the­ol­o­gis­chen Schriften von Niko­laus Groß beschäfti­gen sowie mit Bibel­tex­ten, all das mit dem Ziel, in dem Ora­to­ri­um «einen Men­schen aus Fleisch und Blut» erfahrbar zu machen und eine Art mod­erne Pas­sion­s­geschichte zu erzählen.
For­mal ist Ste­fan Heucke dafür auf der kon­ven­tionellen Ebene verblieben. Das Per­son­al hat er eng begren­zt; es treten auf: Niko­laus Groß, Elis­a­beth Groß, ein Sprech­er, ein Bass als Stimme des Bösen respek­tive der nation­al­sozial­is­tis­chen Macht­haber. Die Klang­sprache ist unüber­hör­bar an der klas­sis­chen Mod­erne ori­en­tiert. Heucke hält diese Entschei­dung kon­se­quent durch, auf seine Weise, im ersten Teil des Ora­to­ri­ums, das den Men­schen Niko­laus Groß porträtiert, im zweit­en Teil, in dem Groß die Zeichen der Zeit erken­nt, im drit­ten Teil, der Groߒ Nähe zu den Wider­stand­skreisen und seine Ver­haf­tung beschreibt, und im vierten Teil, welch­er dem Kampf von Elis­a­beth um ihren Mann gewid­met ist, dem inni­gen Briefwech­sel des Verurteil­ten mit sein­er Fam­i­lie und der Hin­rich­tung.
Als Sym­bol für den Pas­sion­s­gedanken zieht sich J. S. Bachs Choral «O Haupt voll Blut und Wun­den» durch das Werk. Har­monisch-melodisch bewe­gen sich die Solo­vokalpar­tien im Grenzbere­ich vom Spätro­man­tis­chen zum Expres­sion­is­tis­chen der Zweit­en Wiener Schule. Die Zitate- und Allu­sion­stech­nik wird sparsam inhaltlich akzen­tu­ierend einge­set­zt (der Chor «Lieb Vater­land magst ruhig sein» für die Annäherung von Groß an die Wider­stands­be­we­gung, der «Walküren­ritt» als Unter­malung für die Nachricht vom Sprengstof­fan­schlag auf Hitler). Alles in allem ein dra­matur­gis­ch­er Wurf von großer drama­tis­ch­er Inten­sität, der einen auch an Bernd Alois Zim­mer­mann denken lässt und dessen musikalis­che Maxime von der «Kugelgestalt der Zeit».

Annette Eck­er­le