Schmelzer, Thomas / Hiller, Amadeus

Nô – Das Geheimnis der Stille

Verlag/Label: Nightberry DVD (www.nightberry.com) | 120 min.
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/06 , Seite 83

Mit­ten in der Megas­tadt Tokio befind­et sich das Nationale Nô-The­ater, eine Oase der Ruhe und Konzen­tra­tion und eine absolute Gegen­welt zur Hek­tik der All­t­ag­sumge­bung. Die bei­den Fil­mau­toren Thomas Schmelz­er und Amadeus Hiller haben den auratis­chen Ort besucht und geben mit Auss­chnit­ten aus Pro­duk­tio­nen und Proben sowie Inter­views mit Darstellern einen tiefen Ein­blick in diese stil­isierte japanis­che Kun­st­form, in der Masken­tanz, dich­ter­isches The­ater, der charak­ter­is­tis­che gedehnte Sprechge­sang und hart artikulierte Instru­mentalk­länge eine faszinierende Verbindung einge­hen. Ent­standen vor rund sechs­hun­dert Jahren, hat sich das Nô bis heute in sein­er mehr oder weniger orig­i­nalen Form erhal­ten. Ein­er der Pro­tag­o­nis­ten erzählt vor der Kam­era, er sei der jüngs­te Nachkomme ein­er Fam­i­lie, die die Nô-Tra­di­tion von Beginn an pflegt, und er set­ze alle seine Kraft daran, sie weit­erzuführen. «In unser­er unruhi­gen, hek­tis­chen Zeit, in der alles tech­nol­o­gisiert wird, empfinde ich es als großes Glück, dass ich in der Welt des Nô-The­aters leben darf.»
Die Fil­mau­toren bet­ten ihren Gegen­stand auf span­nende Weise in Bilder aus dem heuti­gen All­t­ag ein und machen da­mit das für Japan charak­ter­is­tis­che Nebeneinan­der von alten Tra­di­tio­nen und hochtech­nisiert­er Gegen­wart auf schöne Weise erfahrbar: Zeitraf­fer­auf­nah­men aus Straßen und Met­roschächt­en, schwindel­nde Blicke von oben in die Wolkenkratzer­schlucht­en, ver­wis­chte Bilder vom Blick aus dem Hochgeschwindigkeit­szug Shinkansen auf vor­bei­fliegende Reis­felder. Sie besuchen auf dem Land einen Masken­schnitzer und begleit­en den Schlagzeuger auf sein­er Fahrt mit dem Motor­rad durch den Metropolend­schun­gel; zur Illus­trierung, wie stark das Nô-The­ater in alten religiösen Riten ver­wurzelt ist, zeigen sie Szenen mit Besuch­ern in bud­dhis­tis­chen Tem­peln. Dass diese Gle­ichzeit­igkeit von strenger Tra­di­tion und dig­i­tal­isiert­er Gegen­wart über­haupt funk­tion­iert, gehört zu den aus west­lich­er Sicht unerk­lär­lichen Geheimnis­sen der japanis­chen Kul­tur. Was aber auch wir prob­lem­los ver­ste­hen kön­nen, ist die Fest­stel­lung eines Nô-Kün­stlers: «Es dauert nur eine Sekunde, um alte tra­di­tionelle Dinge zu zer­stören. Das ist ganz ein­fach. Im Ver­gle­ich dazu braucht man viel mehr Energie, um alte Dinge zu bewahren und sie weit­er in die Zukun­ft zu über­liefern.»

Max Nyf­fel­er