Omonéro

Neue Musik für Zither

Verlag/Label: Extraplatte EX-SP 032-2
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/05 , Seite 88

Musikalische Wertung: 4
Technische Wertung: 4
Repertoirewert: 4
Booklet: 4
Gesamtwertung: 4

Die Zither ist ein Exot in der neuen Musik. Aufbauend auf den frühen Experimenten mit dem Instrument (etwa Mauricio Kagels Charakterstück für Zither-Quartett von 1972) entdecken inzwischen jedoch immer mehr zeitgenössische Komponisten das Saiteninstrument als interessante Klangquel­le. Dem steht eine wachsende Zahl von Solisten gegenüber, die vermehrt Zither-Kompositionen in der Öffentlichkeit vorstellen. Martin Mallaun ist einer der exponiertesten junger Vertreter des Instruments, der mit Omonéro ein Album vorlegt, das einen Einblick in die große Vielfalt aktueller Zithermusik gibt und so authentisch klingt, als würde die Avantgarde schon immer Zither spielen.
Werke von fünf Komponisten präsentiert Mallaun auf der Einspielung, von denen Dieter Schnebel und Georg Friedrich Hass die arriviertesten sind. In unterschiedlicher Manier wird dabei die Zither in der ganzen Bandbreite ihrer klanglichen Möglichkeiten vorgestellt – von den Geräuschen «erweiterter Techniken» über mikrotonale Klangwelten bis in die Sphären melodischen Wohlklangs. Schne­bels Sammelsurium ist ein Wech­selbad dynamischer und atmosphärischer Einheiten, die manchmal aufbrausend und vehement, dann wieder melancholisch oder zart klingen, während Haas in seinem Saitenspiel für ungestimmte Diskantzither die Ritzen und Spalten ausleuchtet, die sich zwischen der Wohltemperiertheit auftun.
Franz Hautzinger, eigentlich als experimenteller Improvisator und Ge­räuschtrompeter bekannt, vertraut in den Miniaturen seiner Kleinen Göttermusik von 2009 auf die Kraft einfacher Melodien und geht der Atonalität fast völlig aus dem Weg. Durch Repetition mit kleinen Variationen entwickeln die stoischen Melodien, die gelegentlich an Rockriffs erinnern, eine poetische Qualität, wie sie auch in der Saitenmusik des Fernen Ostens zu finden ist. Im Kontrast dazu steht das Stück Impresa Omonéro der jungen Komponistin Manuela Kerer, die darin extreme Klanglichkeiten auslotet, auf den Saiten reiben, streichen und kratzen und auf den Holzkasten klopfen lässt. Wirkungsvoll nutzt sie Flageoletts in Kombination mit Slide-Effekten.
Leopold Hurt hat dagegen die drei Teile der Komposition Logbuch von 2007 aus Improvisationen destilliert, wobei er sprunghaft, manchmal sogar abrupt, und mit expressivem Gestus zwischen den verschiedenen Patterns hin- und herwechselt und sie mit klanglichen Querschlägern zu unterlaufen sucht.

Christoph Wagner