Riehm, Rolf

Orchesterwerke. Die Tränen des Gletschers / Nuages Immortels oder Focusing on Solos (Medea in Avignon) / Berceuse

Verlag/Label: Telos TLS 128
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 85

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 5

Musik entste­ht aus Ein­fällen ihrer Kom­pon­is­ten. Aber Ein­fall muss nicht unbe­d­ingt mit Inspi­ra­tion gle­ichge­set­zt wer­den, das Wort erlaubt auch eine ungewöhn­lichere Deu­tung: als das, was in den Arbeit­sprozess «hine­in­fällt» und dem entste­hen­den Werk eine neue Dimen­sion gibt, es in andere gedankliche Rich­tung weit­er­lenkt. Durch der­ar­tige «Ein­fälle» ist es zu erk­lären, wenn manche Werke Rolf Riehms inhaltlich ger­adezu über­codiert erscheinen. Nehmen wir etwa das Orch­ester­w­erk Nuages Immor­tels oder Focus­ing on Solos. Der let­zt­ge­nan­nte Titel beze­ich­net Riehms Absicht, hier eine Se­rie von «Solospuren, ‹Minikonz­erten›» für die beteiligten Musik­er zu schreiben, erster­er bezieht sich auf eine Erin­nerung an eine Langspielplat­te mit rekon­stru­iert­er antik­er Musik, darunter das berühmte «Seik­i­los-Lied», das als Monodie Riehms Stück durchzieht. Damit aber noch nicht genug: Als konzeptueller Impuls trat das per Fernse­hen ver­mit­telte Erleb­nis der Schaus­pielerin Isabelle Hup­pert bei einem Fest­spielauftritt in Avi­gnon hinzu, der der Kom­po­si­tion den weit­eren Unter­ti­tel Medea in Avi­gnon ein­trug. Und schließlich bildet das für Riehm generell wichtige The­ma der Medi­enkri­tik eine weit­ere ästhe­tische Kom­po­nente des Werks: Die Sin­nentleerung von Bedeu­tungsträgern durch per­ma­nen­ten Gebrauch führt der Kom­pon­ist vor, wenn er durch pen­e­trante Wieder­hol­un­gen eines c‑Moll-Akko­rds Abstump­fungseffekte erzeugt. Zum geschlosse­nen Ganzen kann und will sich diese Vielfalt von Sinn-Schicht­en nicht mehr fügen. Die einzel­nen Aspek­te treten abwech­sel­nd in den Vorder­grund und ins Bewusst­sein des Rezip­i­en­ten; so wird die ertö­nende Mu­sik zum kalei­doskopis­chen «Wür­fel­spiel» ohne «durch­laufend­en nar­ra­tiv­en Strang».
Die 1989 in Donaueschin­gen uraufge­führte Berceuse ver­weist mit ih­rem Titel auf Chopins gle­ich­namiges Klavier­stück, ist aber alles andere als eine Wiegen­lied-Idylle: sie zeigt vielmehr, in Gestalt polternd dazwis­chen­fahren­der Orch­estere­in­würfe und son­derbarer Störg­eräusche, deren ständi­ge Gefährdung.
In geziel­ten Extremen und Para­dox­ien erge­ht sich das dritte der einge­spiel­ten Werke, Die Trä­nen des Gletsch­ers, dessen Titel einen unaufheb­baren Wider­spruch benen­nt: «Ein Gletsch­er weint nicht, er ist kalt.» Klänge von erhaben­er und archais­ch­er Wirkung formt Riehm hier, um ein akustis­ches Pen­dant zum visuellen Ein­druck von Eis- und Geröll-Land­schaften zu schaf­fen, und set­zt, wie bei den wech­sel­nden Ein­stel­lun­gen eines Films, Abschnitte unter­schiedlich­er musikalis­ch­er Fak­tur aneinan­der. Spaltk­länge in extremen Reg­is­tern dominieren die Par­ti­tur und der Wun­sch des Kom­pon­is­ten, das Unmögliche zu gestal­ten: das durch Schla­gin­stru­mente angedeutete, aber nicht ver­ste­hbare Sprechen des Gletsch­ers, oder, in ein­er «Peitschen-Arie», das Sin­gen eines Instru­ments, das sich nur in kurzen, scharf abgeris­se­nen Knällen artikulieren kann. 

Ger­hard Dietel