Werke von Rebecca Saunders, Benedict Mason, Luke Bedford und John Zorn

Pandora’s Box

Verlag/Label: col legno WWE 1 CD 20421
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/03 , Seite 78

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 4

Die Klänge dehnen, stauchen, biegen und brechen sich wie in einem Spiegelk­a­bi­nett. Rebec­ca Saun­ders schickt das Stre­ichquar­tett in Fletch von 2012 durch wilde Fla­geo­lett-, Flau­tan­do- und Glis­san­do-Orgien, sodass ein pris­ma­tisch klir­ren­des und flir­ren­des Geflecht entste­ht. Daraus erheben sich immer wieder can­tus-fir­mus-artig gestreck­te Lin­ien der Vio­line in ho­her Lage und des um eine Oktave tiefer ges­timmten Vio­lon­cel­los in Kon­tra­bass­lage. Vor der bewegten Kon­trast­folie treten diese Phan­tom­melo­di­en mit geis­ter­hafter Ruhe und Schön­heit her­vor. Erst während der let­zten Minuten des vier­tel­stündi­gen Werks beruhigt sich das hyper­ag­ile Treiben. Es gibt Momente der Stille und zunehmend reduzierte, im­mer zartere Klänge, die endlich vol­lends verebben. Das Ardit­ti Quar­tet gestal­tete den weit­en Span­nungs­bo­gen dieses Werks stim­mig in einem von zwei Konz­erten bei «Wien Mod­ern» 2013, dem «Part­ner-Fes­ti­val» des Labels, dem sich alle vier Live-Mitschnitte und Erstein­spielun­gen der CD ver­danken.
Der Titel Pandora’s Box der Pro­duk­tion ver­dankt sich dem damals uraufge­führten Stre­ichquar­tett von John Zorn, das mit der Büchse der Pan­do­ra neben allen Übeln der Welt zugle­ich eine Vielzahl stilis­tis­ch­er Rem­i­niszen­zen auss­chüt­tet. Schon der vom Kom­pon­is­ten auf Deutsch ver­fasste und von der Sopranistin Sarah Maria Sun teils deklamierte, teils gesun­gene Text schwankt zwis­chen Neo-Expres­sion­is­mus und Sur­re­al­is­mus: «Atmende Strände / Tauschim­mer / Alchemistis­che Wider­sprüche / Lust, Verza­uberung / und ein ätherisch­er See­len­schat­ten …» Die Musik atmet viel Wiener Schule-Ner­vosität, wan­delt auf den glitzern­den Bah­nen von Pier­rot lunaire und Debussys Mélodies. Zu den Stich­worten «Stürme» und «blauäugige Dämo­nen» erhebt sich ein düsteres Melo­dram mit gehet­zten Läufen, Tremoli, Kratzen und Kreis­chen. Auch son­st wird die wun­der­bare Sän­gerin häu­fig mit Vokalisen und Koloraturen in Spitzen­la­gen um das dreigestrich­ene c getrieben. Textstellen wie «Buch des Bösen» oder «Engel schaut auf!» illus­tri­eren wahlweise dro­hend-sta­tis­che Liegek­länge in fahler Tiefe oder süß lock­ende Terzen der Vio­li­nen. Mit zu viel Ernst gehört, wirkt das alt­back­en und prä­ten­tiös. Iro­nisch als «Schmon­zette» genom­men, hat diese Musik jedoch dur­chaus ihren Reiz.
Das zweite Quar­tett von Bene­dict Mason bildet mit zwei rhyth­misch pulsieren­den Scherzi einen Rah­men für zweimal zwei hin­sichtlich Spiel­weise, Klang, Tem­po und Dynamik kon­trastierende Charak­ter­stücke. Deren erstes Satz­paar stellt mit­tels Übedämpfern und col leg­no-Spiel traumhaft ver­schleierten Akko­r­den eine perkus­sive Het­ero­phonie ent­ge­gen. Das zweite Paar lässt auf glei­t­ende Har­monien plöt­zlich mit Plek­tren geschla­gene und gezupfte mikro­tonale Tex­turen fol­gen. Bei Luke Bed­fords Won­der­ful Four-Head­ed Nightin­gale schließlich hat man den Ein­druck, die Musik­er kämen über das Stim­men ihrer Instru­mente nicht hin­aus, spie­len sie doch zunächst nur ver­schiedene Fol­gen und Kom­bi­na­tio­nen leer­er Sait­en: durch­schnit­tliche Musik, aber in best­möglich­er Inter­pre­ta­tion.
Rain­er Non­nen­mann