Peter Vogel: The Sound of Shadows

Dokumentation von Jean Martin und Conall Gleeson

Verlag/Label: Wergo MV 0805 5
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 81

Im Banne der Schaltkreise: Die klin­gen­den Objek­te von Peter Vogel

Wenn sich exak­te Wis­senschaft und Musik verbinden, kommt meist Über­raschen­des dabei her­aus, und es erwachen Erin­nerun­gen an alte Epochen, als die bei­den Bere­iche noch nicht getren­nt waren. Ein Pio­nier auf diesem Weg war in der Nachkriegszeit der Math­e­matik­er und Kom­pon­ist Ian­nis Xenakis. Viele sind ihm sei­ther nachge­fol­gt, so etwa der Amerikan­er Roger Reynolds, der über die Physik zur Musik kam (siehe die DVD-Besprechun­gen in NZfM 2/2012), oder Clarence Bar­low, der nach seinen natur­wis­senschaftlichen Stu­di­en in Kalkut­ta und Lon­don um 1970 Mit­glied des Köl­ner Feed­back Stu­dios wurde und dort früh mit Elek­tron­ik exper­i­men­tierte.
Auch der 1937 in Freiburg geborene Peter Vogel kommt von der Physik. Schon während des Studi­ums und des Berufs­lebens malte er und exper­i­men­tierte mit Zeit­struk­turen in der Bilden­den Kun­st, was ihn um 1970 zu seinen ersten kyber­netis­chen Objek­ten führte. Seinen Brot­beruf beim Chemiekonz­ern Hoff­mann-La Roche, wo er sich unter anderem mit Gehirn­forschung befasste, hängte er 1975 an den Nagel; sei­ther arbeit­et er als freiberu­flich­er Objek­tkün­stler. Seine Schöp­fun­gen, die in Gale­rien und, unter der Rubrik «Klangkun­st», auch bei Musik­fes­ti­vals zu sehen und zu hören sind, gehören einem Zwis­chen­bere­ich an: bewegliche Objek­te, die auf optis­che und akustis­che Reize reagieren, piepsende, fiepende und brum­mende Wan­dreliefs, die Assozi­a­tio­nen an grafis­che Par­ti­turen wachrufen, mit Tran­si­s­toren und Kon­den­satoren als eine Art Notenköpfe und einem Lin­ienge­flecht aus Verbindungs­dräht­en. Sie appel­lieren sowohl an die visuelle als auch an die akustis­che Wahrnehmung und stacheln durch ihre Machart oben­drein die tech­nis­che Neugierde des Betra­chters an.
Ein Film von Jean Mar­tin und Conall Glee­son zeigt den stillen und hart­näck­i­gen Tüftler in seinem Ate­lier bei der Arbeit und gibt ihm aus­führlich Gele­gen­heit zur Dar­legung sein­er Ideen und Ver­fahren. Die Kam­era blickt ihm dabei über die Schul­ter und lässt die vie­len kleinen Elek­tron­ikbausteine, die Vogel da ger­ade zusam­men­lötet, wie bizarre Insek­ten ausse­hen. In län­geren Ein­stel­lun­gen demon­stri­ert er, wie durch das mit Hand­be­we­gun­gen her­vorgerufene Spiel von Licht und Schat­ten die tech­nis­chen Objek­te Klänge abzu­son­dern begin­nen.
Im Grunde genom­men gehe es ihm wed­er um die Her­stel­lung von Kom­po­si­tio­nen noch von Klangskulp­turen, erk­lärt Vogel, das seien bloß Neben­pro­duk­te seines Exper­i­men­tierens. Sein primäres Inter­esse gelte dem Wahrnehm­bar­ma­chen von Zeit­struk­turen, und das könne er mit seinen kyber­netis­chen Ver­such­sanord­nun­gen eben am besten bew­erk­stel­li­gen. Auch die Inter­ak­tion von ein­fachen tech­nis­chen Organ­is­men beschäftigt ihn, und er ver­weist auf die Forschun­gen des englis­chen Neu­ro­phys­i­olo­gen Grey Wal­ter, die ihn dazu angeregt haben.
Peter Vogel ist ein Charak­terkopf. Mit star­rer Buster-Keaton-Miene ver­richtet er seine Baste­lar­beit, und in gle­ich­er Weise spricht er auch seine Erk­lärun­gen in die Kam­era – ein stois­ch­er Einzel­gänger, der sich durch nichts aus der Ruhe brin­gen lässt. Das färbt auf den Charak­ter der Doku­men­ta­tion ab; ihr durchgängiges Grundtem­po ist «Andante ma non trop­po». So gut man damit den Aus­führun­gen fol­gen kann – auf Dauer wirkt es dann doch etwas läh­mend, vor allem, wenn die zu Vogels Werk befragten Fach­leute ihre Kom­mentare in einem eben­so gemesse­nen Ton­fall und mit Sor­gen­fal­ten auf der Stirn abgeben, als ob es sich um einen Trauer­fall han­dle. Dabei sind Vogels zusam­men­gelötete Elek­tron­ik­teile alles andere als tote Materie. Sie fügen sich zu zier­lich gebaut­en, fröh­lich vor sich hin gluck­senden Objek­ten zusam­men – Fan­tasiegestal­ten, die ihre Sig­nale aus der Welt der Kyber­netik auf leichte und sog­ar heit­ere Weise an den Betra­chter über­mit­teln.

Max Nyf­fel­er