Maderna, Bruno

Piano Concertos / Quadrivium

Verlag/Label: Naxos 8.572642
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 79

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 3

Der zunächst noch im Geist der ital­ienis­chen Kom­pon­is­ten­gener­a­tion von 1880 aufgewach­sene Bruno Mader­na suchte nach 1950 den Anschluss an die inter­na­tionale Avant­garde, wobei er in den Bann der «Darm­städter Schule» geri­et. In der Fol­gezeit begann er mit Seri­al­is­mus, Elek­tron­ik und Aleatorik zu exper­i­men­tieren, wobei ihm wohl selb­st die eige­nen schöpferischen Anfänge der 1940er Jahre außer Sicht geri­eten. Erst recht blieben sie der musikalis­chen Öffentlichkeit ver­bor­gen. Was Mader­nas Jugend­stre­ich von 1942, sein Klavierkonz­ert bet­rifft, so meldet das Lexikon Kom­pon­is­ten der Gegen­wart das Stück noch in ein­er sein­er jüng­sten Nach­liefer­un­gen als ver­schollen. Doch das ist nicht mehr aktueller Stand. Das inzwis­chen wieder­aufge­fun­dene Werk kon­nte bere­its im Okto­ber 2009 seine Aufer­ste­hung beim Verona Con­tem­po­ranea Fes­ti­val feiern; ein Mitschnitt der dama­li­gen Auf­führung ist als Erst­einspielung auf der vor­liegen­den CD zu erleben.
Dieses Klavierkonz­ert (nicht zu ver­wech­seln mit jen­em späteren, das 1959 in Darm­stadt Pre­miere hat­te) zeigt noch manche Tra­di­tionsver­haf­tung: Es lehnt sich an die herkömm­liche dreisätzige Form an, wenn auch in Umkehrung der Tem­po-Rela­tio­nen und in der Zusam­men­ziehung zum Ein­heitsablauf. Mit etwas her­ben Lyrizis­men meldet sich zunächst das Orch­ester zu Wort, aus dessen Lin­ien sich der Klavier­part erst allmäh­lich her­aus­löst. Faszinierend zu ver­fol­gen ist, wie der Kom­pon­ist dabei nach ein­er eige­nen Sprache sucht, wohl im Umfeld, aber nicht unter der Vor­mund­schaft von Hin­demith, Bartók und Straw­in­sky – wobei die Vor­bild­wirkung der bei­den Let­zteren in Bezug auf Ton­sprache und pulsierende Rhyth­mik in der zusät­zlich einge­spiel­ten, klan­glich qua­si «skelet­tierten» Umar­beitung des Werks für zwei Klaviere aus dem Jahr 1946 noch deut­lich­er her­vor­tritt.
Aber­mals Bartók, und zwar dessen «Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug», war Ori­en­tierungspunkt, als Mader­na 1948 ein «Konz­ert für zwei Klaviere und Instru­mente» schuf. Das ursprünglich eben­falls dreisätzig konzip­ierte Werk liegt hier in sein­er let­zten, auf den ursprünglichen Schlusssatz reduzierten Gestalt vor, dem der Kom­pon­ist eine span­nungsvoll tas­tende Ein­leitung voranstellte, bevor sich ein motorisches und stark perkus­sives Musizieren entwick­elt, bei welchem zum kom­pak­ten Klavier­satz aller­hand effek­tvolle Schlagzeugein­würfe hinzutreten.
Groß ist der stilis­tis­che Sprung von hier zu Mader­nas 1969 ent­standen­em «Quadriv­i­um». Typ­isch ist dort die Verbindung des Avant­garde-Anspruchs mit der Tra­di­tions­bindung, wie schon der Werk­ti­tel zeigt: Er beze­ich­net nicht nur die Aufteilung der Klangquellen auf vier Perkus­sion­is­ten und Orch­ester­grup­pen, son­dern ver­weist auch auf die Gruppe der vier höheren «artes lib­erales» der Antike. Die vor­liegende Ein­spielung – eben­falls ein Live-Mitschnitt des Verona Con­tem­po­ranea Fes­ti­val – zeigt, dass Mader­nas Kom­po­si­tion heute kein ver­staubtes math­e­ma­tis­ches Kon­strukt ist, indem sie die sinnliche Seite des Werks mit seinen wech­sel­nden Instru­men­tal­far­ben her­ausstellt.

Ger­hard Dietel