Hiekel, Jörn Peter (Hg.)

Populär vs. elitär?

Wertvorstellungen und Popularisie­rungen der Musik heute

Verlag/Label: Schott Music («edition neue zeitschrift für musik»), Mainz 2013, 159 Seiten, 19,95 Euro
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 93

Ist es in Zeit­en der omnipräsen­ten Dig­i­tal­isierung über­haupt noch ange­bracht, in Begrif­f­en wie «elitär» und «pop­ulär» zu denken? Han­delt es sich bei Über­legun­gen dieser Art nicht um Grabenkämpfe, die nicht mehr zeit­gemäß sind und schon längst durch die Ver­schmelzung von materieller und virtueller Welt für obso­let erk­lärt wor­den sind? Eine Auseinan­der­set­zung mit der Dichotomie «populär/elitär» sollte diese Fra­gen im Hin­terkopf behalten.
Michael Schmidt erken­nt richtig, dass dig­i­tale Net­zw­erke Musik im Jen­seits von «Raum und Zeit» situ­ieren und damit auch Hier­ar­chisierun­gen in Frage stellen – «alles ist auf ein­mal vorhan­den». Diese every­thing time schafft ästhetis­che Phänomene und kün­st­lerische Möglichkeit­en, die noch im Begriff sind, aus­gelotet zu wer­den. Sie fordert aber auch eine neue Sprache ein, ein Vok­ab­u­lar, das nicht mehr auf Begriffe wie Remix, Sam­pling oder Col­lage rekur­ri­ert, sprach­liche und konzep­tionelle Relik­te des analo­gen Zeital­ters bedi­ent, ein­er Peri­ode, in der auch Schmidts Poster­boy DJ Spooky seine größten Erfolge feierte.
Für Har­ry Lehmann führt die Dig­i­tal­isierung zu ein­er «Demokratisierung der Pro­duk­tions- und Distribu­tionsmittel in der neuen Musik» und damit zu ein­er Auflö­sung von Insti­tu­tions­bindun­gen. Kom­po­si­tio­nen, die darauf abzie­len, «den Graben zwis­chen pop­ulär und elitär [zu] über­brück­en», seien durch die Ver­wen­dung dig­i­taler Medi­en leicht zu real­isieren. Eine schö­ne Vorstel­lung, in der Lehmann allerd­ings ein Prob­lem sieht. Das Gegen­satz­paar «elitär/populär» etabliert in der neuen Musik eine Leit­d­if­ferenz, die wegfällt und in einen Iden­titätsver­lust bzw. fehlen­des Selb­stver­ständ­nis mündet.
Dahlia Borsche geht in ihrem Beitrag der Unbes­timm­barkeit des Elitären und Pop­ulären am Beispiel von Lou Reeds Met­al Machine Music nach, ein­er Feed­back­studie, die der Pop­musik­er 1975 veröf­fentlichte. Das Werk wurde ambiva­lent rezip­iert und 2007 vom zeitkratzer-Ensem­ble mit akustis­chen Instru­menten neu einge­spielt. «Ist die zeitkratzer-Ver­sion elitär, weil sie im Kon­text der neuen Musik ent­standen ist, oder pop­ulär, weil sie nicht das tra­di­tionelle Neue-Musik-Pub­likum anspricht?» – eine Frage, die kaum beant­wort­bar ist.
Kom­pon­ist Markus Hech­tle berichtet von ein­er Begeg­nung mit dem mit­tler­weile ver­stor­be­nen «Oliv­er Stein­ert», der auch Kom­pon­ist gewe­sen sein soll. Es scheint, als spiele Hech­tle hier mit den Mech­a­nis­men des Fake, die auch gerne in der Pop­kul­tur zum Ein­satz kom­men, nicht zulet­zt um elitäre und pop­uläre Struk­turen gegeneinan­der auszus­pie­len. Stein­ert ist offen­bar eine erfun­dene Per­sön­lichkeit, die Adorno zitiert, zur alten Schule der neuen Musik gehört und gegen «die vorherrschende und […] voran­schre­i­t­ende Regres­sion» kämpft. Hech­tle, der hier als Schrift­steller in Erschei­n­ung tritt, hält dem alten Kom­pon­is­ten ent­ge­gen, die neue Musik sei an ihrer Iso­la­tion selb­st Schuld und hielte ihre elitäre Grund­hal­tung «als Iden­tität stif­ten­des Moment» aufrecht. Damit liefert er keine neuen Ein­sicht­en, der Text ist trotz­dem sehr unter­halt­sam zu lesen.

Raphael Smarzoch