Mansurian, Tigran

Quasi parlando

Verlag/Label: ECM New Series 2323
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2014/04 , Seite 90

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Liest man den sehr informierten Book­let-Text von Wolf­gang Sand­ner, geht es bei der Musik der neuesten CD-Veröf­fentlichung aus dem Hause ECM Records um Steine, um Arme­nien und dessen alte Architek­tur, um Monodie als reduziertes Mit­tel zum unmit­tel­baren asketis­chen Aus­druck. Nicht zulet­zt um «Geist, Ma­gie, reine Musik» – so para­phrasiert Sand­ner die Aus­nah­mevi­o­lin­istin Patri­cia Kopatchin­ska­ja, die sich der­art über die Werke von Tigran Mansuri­an äußert.
In der Tat bestätigt der Hörein­druck: Die Sed­i­mente sind tief und reich unter diesen präzise geset­zten Tönen, von denen kein einziger über­flüs­sig oder deplatziert wäre. Ein klares lin­ear­es Denken bes­timmt noch die kom­plex­esten Zusam­men­klänge im die CD ein­lei­t­en­den Dop­pelkonz­ert für Vio­line, Vio­lon­cel­lo und Stre­i­chorch­ester. Die ein­prägsame Motivik des ersten Satzes entwick­elt sich nach und nach zu ein­er bruitis­tis­chen Klang­wand, in der das Orch­ester wild glis­sandierend und tremolierend die unruhige Szener­ie für das ver­schlun­gene Stre­it­ge­spräch der Soloin­stru­mente liefert. Zweifel­los wird hier Exis­ten­zielles ver­han­delt, so mark­er­schüt­ternd bricht das For­tis­si­mo über den Hör­er here­in. Die Musik benötigt mehrere Teilschritte, bis sie sich wieder gefan­gen hat. Im zweit­en Satz wirkt sie daraufhin in ihrer Zurück­hal­tung noch gefes­tigter, wenn sie das zu Beginn des Dop­pelkonz­erts exponierte Motiv mit der markan­ten fal­l­en­den Quart am Ende wieder auf­greift.
In Anbe­tra­cht dieser Wirkun­gen wird deut­lich, weswe­gen Sand­ner in seinem Text immer wieder auf den Bezug zur über­wälti­gen­den Schlichtheit in der armenis­chen Architek­tur, die er in Mansuri­ans Vor­liebe für die sim­ple Form widerge­spiegelt sieht, zurück­kommt. Die hier unter dem Titel des 2012 für die Cel­listin Anja Lech­n­er ent­stande­nen Qua­si par­lan­do ver­sam­melten Stücke sprechen auf die gle­iche Art zum Hör­er – und sie machen nach­haltig sprach­los.
Man kann ver­suchen, sich ihnen über musikalis­che Para­me­ter zu näh­ern, kann den vol­len­de­ten homo­pho­nen Stre­icherk­lang der Ams­ter­dam Sin­foni­et­ta her­vorheben, der der Musik wie angegossen ist. Man kann die bei­den Solistin­nen mit Lob, Glück­wün­schen und Dank über­schüt­ten. Aber das alles passiert let­ztlich ander­swo bere­its genug und bleibt unbe­friedi­gend. Der Ver­such, angesichts dis­tink­ter Merk­male in die Su­che nach Vor­bildern und Analo­gien in anderen Kün­sten auszuwe­ichen, ist sich­er der dankbarste und sin­nvoll­ste Weg. Aber auch dieser wurde bere­its beschrit­ten. Ver­mu­tun­gen über die schi­er unmen­schliche Fokussiertheit anzustellen, die eine solch kom­prim­ierte und im pos­i­tivsten Sinne med­i­ta­tive Musik her­vorge­bracht hat, scheint zum einen müßig und wäre zum anderen rah­men­spren­gend. So bleibt an dieser Stelle nur, die etwas unbe­holfene Empfehlung auszus­prechen, sich mit diesen Stück­en in einen dun­klen Raum zurück­zuziehen, die Anlage etwas ober­halb der gewöhn­lichen Laut­stärke einzustellen, die Augen zu schließen und – zu hören.

Patrick Klin­gen­schmitt