Responses to Ives

Werke von Charles Ives, Walter Zimmermann, Michael Finnissy, James Tenney, Sidney Corbett und Oliver Schneller

Verlag/Label: mode 211
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/02 , Seite 85

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5
 

Die Zusam­men­stel­lung der Stücke macht diese CD zu einem regel­recht auskom­ponierten Album und Selb­st­porträt der eben­so viel­seit­i­gen wie aus­geze­ich­neten Pianistin Heather O’Donnell. Anlässlich des fün­fzigjähri­gen Todestags von Charles Ives 2004 fragte die in Berlin lebende US-Amerikaner­in bei ver­schiede­nen Kom­pon­is­ten wegen «musikalis­ch­er Reflex­io­nen» über Ives’ Bedeu­tung für ihr Schaf­fen an. Die ent­stande­nen Hom­ma­gen brachte sie zur Urauf­führung, spielte sie im Wech­sel mit Ives-Stück­en auf CD ein und schrieb auch noch sämtliche Kom­men­tar­texte im Bei­heft dazu. Hier ist offen­sichtlich jemand mit großer Pas­sion und eben­solch­er Ken­nt­nis am Werk.
Heather O’Donnell spielt die pianis­tis­chen Extreme von Ives’ Musik voll aus. Dabei beweist sie Mut zu blenden­der Härte und geräuschhafter Rauhigkeit, wenn sich rasende Läufe, rat­tern­der Kon­tra­punkt und orgel­nde Akko­rd­bal­lun­gen bis an die Gren­ze zur Clus­ter-Har­monik über­lagern, während sie im näch­sten Moment voll Hingabe schlicht­es melodis­ches Sen­ti­ment ohne Kitschge­fahr als verin­ner­licht­en Gesang auf die Tas­ten zaubert. Dann wieder schält sie aus kaum zu durch­drin­gen­der Poly­phonie beken­nt­nishafte Anklänge an Choräle und evan­ge­likale Erweck­ungslieder, mit denen Ives’ Musik im All­t­ags­getriebe die Spur des Tran­szen­den­ten weist. Mit höch­ster Anschlagsdiver­sität zwis­chen wat­tewe­ichen Tupfern und kraftvoll gestemmten Akko­r­den ver­hil­ft O’Donnell auch dicht­esten Tex­turen zu größter Klarheit. Beein­druck­end ist ihre Inter­pre­ta­tion von Ives’ Set of Five Take-Offs. Die fünf Ini­tialzün­dun­gen lässt sie tre­ff­sich­er in ver­schiedene Him­mel­srich­tun­gen abheben: hier die von unregelmäßi­gen Akzen­ten durchzuck­te Motorik des Rough and Ready et al., dort das schlichte Mendelssohn-Roman­tik beschwörende Klein­od Song with­out (Good) Words.
Ives’ mul­ti­po­lare Musik reflek­tiert Wal­ter Zim­mer­manns the miss­ing nail at the riv­er mit­tels des Kon­trasts von san­ftem Pianoforte und blech­ern-schep­pern­dem Spielzeugklavier. Dage­gen lässt Sid­ney Cor­betts The Celes­tial Pota­to Field erdi­ge Akko­rdik auf schw­ere­los gehauchte Einzelk­länge tre­f­fen. Michael Finnis­sys Song of My­self ist eine inten­tion­slose musi­ca coelestis, die kurz zur Milch­straße auf­schäumt und sich dann in der Schwärze des Alls ver­liert. Und während James Ten­neys direkt auf den Sait­en gezupfter Essay (after a sonata) ein Motiv aus Ives’ Con­cord Sonata zur med­i­ta­tiv schweben­den Kon­stel­la­tion aus funkel­nden Klang­ster­nen ver­wan­delt, lässt Oliv­er Schneller in And tomor­row … langsam verklin­gende Töne dank zuge­spiel­ter Klavier­sam­ples mikro­ton­al ein­trüben, unwirk­lich glis­sandieren, crescendieren und über­lagern von irrwitzig schnellen Ton­fol­gen in klir­ren­den Höhen jen­seits der begren­zten Tastatur.

Rain­er Nonnenmann