Ripples — Minimalistic music for multiple guitars

Stücke von Steve Reich, Alvin Curran, Nicky Hind und Frederic Rzewski

Verlag/Label: fxj records
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

«Lis­ten to this record extreme­ly loud and in one sit­ting, open your win­dows, so your neigh­bours can enjoy it, too.» Ob das eine gute Empfehlung ist? Oder wird man sich, ihr fol­gend, dauer­hafte Feinde schaf­fen? Denn für manchen Hör­er bedeutet min­i­mal­is­tisch in ihren Loops kreisende Musik eher eine Qual als ein Vergnü­gen.
Als Exerz­i­tium präsen­tieren sich ins­besondere Fred­er­ic Rzewskis Mou­tons de Panurge. Der Werk­ti­tel, welch­er nach Rabelais Pan­ta­gru­el auf eine Schafherde anspielt, die sich, ihrem Lei­tham­mel fol­gend, ins Wass­er stürzt, charak­ter­isiert leicht iro­nisierend den mech­a­nis­chen Auf­bau des Stücks: aus ein­er sukzes­sive sich ver­längern­den, dann wieder verkürzen­den Ton­folge. Die vor­liegende Ver­sion für fünf elek­trische Gitar­ren und vier Bass­gi­tar­ren ver­läuft, den Anweisun­gen des Kom­pon­is­ten fol­gend, in einem stren­gen Unisono und nach anfänglichem Acceleran­do in absolutem Gle­ich­lauf der Noten­werte. Fühlt sich der Hör­er nach zwanzig Minuten gemartert? Oder kann er trotz­dem John Cage zus­tim­men, wenn dieser emp­fiehlt: «Wenn etwas nach zwei Minuten lang­weilt, ver­such es vier Minuten lang, wenn es immer noch lang­weilt, dann acht. Dann sechzehn …»?
Frap­pierend an der vor­liegen­den Ein­spielung ist jeden­falls, dass ein einzel­ner Musik­er, der Gitar­rist Jör­gen Brilling, mit Hil­fe von Play­back-Tech­nik und Live-Elek­tron­ik ganz allein die oft intrikat ineinan­der­greifende Viel­stim­migkeit real­isiert hat, die den Hö­rer zunächst ein ganzes Ensem­ble an Musizieren­den als Klangquelle ver­muten lässt. Brilling, sein­er Herkun­ft nach klas­sis­ch­er Gitar­rist, zeigt sich hier als neugieriger und tech­nisch sou­verän­er Exper­i­men­ta­tor, ob nun in den Pat­terns von Steve Reichs Elec­tron­ic Coun­ter­point oder in der tem­por­e­ichen Par­force­jagd des Anfang­steils von Alvin Cur­rans Strum City. Hier wird der Achtelpuls allmäh­lich bis zum Tem­po 560 beschle­u­nigt, so dass ein ins Akustis­che ver­set­zter stro­boskopis­ch­er Effekt entste­ht: Rasanz begin­nt in Still­stand umzuschla­gen.
Einen Gegen­pol zu diesem Hochdrehen der Tem­poschraube bietet Nicky Hinds Kom­po­si­tion Rip­ples, bei der die Live-Elek­tron­ik qua­si zum Kam­mer­musik­part­ner des Gitar­ris­ten wird, der sein Spiel genau auf deren Echoef­fek­te abstim­men muss. Inspiri­ert wurde Rip­ples durch jene Erfahrung, dass selb­st ruhiges Liegen im Wass­er eines Swim­ming­pools kleine Wellen erzeugt, die zu ihrem Erzeuger zurück­kehren: «Solange ich lebe, werde ich keine Bewe­gung ver­mei­den kön­nen, und jede mein­er Bewe­gun­gen wird in irgend­einer Form zu mir zurück­kehren.»
Die son­st auf elek­tro­n­is­che Gitarren­klänge konzen­tri­erte CD bietet zum Schluss eine Über­raschung, indem sie mit Steve Reichs Clap­ping Music von 1972 endet, ein­er Studie für zwei Aus­führende, deren mit klatschen­den Hän­den geformte Pat­terns per Ver­schiebung aus dem Unisono weg- und dann wieder dor­thin zurück­führen. Auch hier ist es wohl neuer­lich Jür­gen Brilling allein, der dieses Duo mit sicherem Rhyth­mus­ge­fühl in Szene set­zt.

Ger­hard Dietel