Thorau, Christian / Julia Cloot / Marion Saxer (Hg.)

Rückspiegel

Zeitgenössisches Komponieren im Dialog mit älterer Musik

Verlag/Label: Schott, Mainz 2010
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/06 , Seite 93

In heuris­tis­ch­er Absicht for­muliert, erscheint die The­men­stel­lung des Buchs präzise genug, um einen gemein­samen Bezugspunkt als Impuls und Denkrich­tung für alle Beiträge vorzugeben: Es gilt das Span­nungs­feld zwis­chen Gefun­den­em und Erfun­den­em, in dem zeit­genös­sis­ches Kom­ponieren als Erhel­lung und Enthül­lung, aber auch als Ver­wand­lung und schöpferische Anver­wand­lung älter­er Musik geschieht, auszu­loten. Die (Rück-) Spiegel­meta­pher wiederum ist offen genug, um dur­chaus unter­schiedliche Lesarten, die im jew­eils gewählten Gegen­stand sowie im Geschichtsver­ständ­nis und im (kompositions-)ästhetischen Stand­ort der Autoren begrün­det sind, zuzu­lassen. Was diese ein­er­seits begren­zende, ander­er­seits den ganz per­sön­lichen Blick freiset­zende Vor­gabe aus­gelöst hat, gehört zweifel­los zum Inspiri­ertesten und Infor­ma­tivsten, was in den let­zten dreißig Jahren über das Alte im Neuen und den Dia­log bei­der in rebus musi­cis zu vernehmen war. 
Das gilt für Michael Reuden­bachs «Gedanken zu Spahlingers adieu m’ amour» und den Aufweis von Nonos Raum­denken (Prom­e­teo) durch Regine Elzen­heimer, für Mar­i­on Sax­ers sub­tile Erforschung der Bear­beitung­stech­nik Sal­va­tore Scia­r­ri­nos (Luci mie tra­ditri­ci), für Johannes Schöll­horns Plä­doy­er, «Ver­gan­gen­heit als einen Pol der Geschichte zu sehen, der in der Gegen­wart dem Pol der Zukun­ft antworten kann und soll» (in nomine pour trio à cordes, J. S.), für Markus Bögge­manns Spuren­suche im Nach­hall Mozarts bei Lachen­mann, Klaus Huber und Arnulf Her­rmann wie für Sabine San­ios Neu­ver­mes­sung des Ver­hältnisses von Cage zur Tradition.
Am Beispiel von Paul Hin­demiths Kam­mer­musiken Nr. 1 und Nr. 2 ela­bori­ert Gisel­her Schu­bert «Ver­ständ-nis­prob­leme des Neok­las­sizis­mus», wäh­rend Markus Fahlbusch in Schön­bergs Bear­beitun­gen nach Hän­del und Monn den «vielschichti­gen Spiegel von Ver­gan­gen­heit [wahrn­immt], den eine selb­st­be­wusste Mod­erne sich selb­st vorhält». Mar­tin Demm­ler und Andreas Krause spüren der Gegen­wart Bachs im Schaf­fen von Sofia Gubaiduli­na und Heinz Hol­liger nach, Simone Heil­gen­dorff dem Ein­fluss Schu­berts in der neueren Kunstmusik.
Brice Pauset exponiert am Beispiel sein­er zweisätzi­gen Kom­po­si­tion, die Schu­berts Klavier­son­ate a‑Moll op. 42 umrahmt wie der Bern­stein den Schmetter­ling, seine Vorstel­lung von «Geschichte in der Musik»: Zwis­chen Kom­po­si­tion und Tran­skrip­tion ange­siedelt, lasse die Kon­tra-Sonate den «Nach­hall des Orig­i­nals im geschichtlichen Raum» vernehm­bar werden. 
In fünf Gesprächen mit Claus Kühnl, José Maria Sánchez-Ver­du, Chaya Czer­nowin, Rolf Riehm und Hans Zen­der schließlich kristallisiert sich als nicht mehr hin­terge­hbare Option der Gedanke der Brechung her­aus, der den schöpferischen Dia­log mit älter­er Musik grundieren müsse, soll das heute weit geöffnete Fen­ster zur Ver­gan­gen­heit nicht zur Falltür in die muf­fi­gen Gefilde der Restau­ra­tion werden. 
Sum­ma: Ein Buch, das, tre­f­flich aus­ges­tat­tet mit vierzig Noten­beispie­len und Abbil­dun­gen, nicht nur von Esprit, Sachver­stand und Kun­st­nähe durch­we­ht wird, son­dern auch von jen­em muti­gen und beleben­den Hauch von Unzeit, ohne den die Inten­tion der Her­aus­ge­ber nicht einzulösen wäre: «Vor­wärts­ge­wandtes Rückspiegeln».

Peter Becker