Salzburg Biennale. Festival for New Music 2009

Werke von Mauricio Sotelo, Steve Reich, Toshio Hosokawa, Anton Webern, Helmut Lachenmann, Klaus Huber; traditionelle japanische und balinesische Musik sowie spanischer Flamenco-Gesang | Bild: 16:9, Ton: Dolby Digital Stereo | 263 min

Verlag/Label: NEOS 50905-08
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 76

Die Film­doku­men­ta­tion von der Salzburg­er Bien­nale 2009 enthält auf zweimal zwei DVDs – der Inhalt ist ent­ge­gen der heute üblichen Prax­is dop­pelt vorhan­den, ein­mal in der NTSC- und ein­mal in der PAL-Bild­schirm­norm – einen Quer­schnitt durch das Bien­nale-Pro­gramm mit über vier Stun­den Musik. Sie beschränkt sich auf Werke bis zur Ensem­ble­größe; Orches­teraufnahmen sind, ver­mut­lich wegen der hohen Lizen­zkosten, nicht dabei. Beson­ders anre­gend sind die Tracks mit Eth­no­musik aus Indone­sien, Japan und Spanien, die damals Teil der Fes­ti­val-Dra­maturgie war. Die uhrw­erkhafte Präzi­sion, mit der die über zwanzig Mann starke Gamelan­gruppe musiziert, lohnt sich nicht nur zu hören, son­dern auch zu sehen, eben­so der Fla­men­cosänger, der impro­visatorische Lock­er­heit mit höch­ster geistiger Präsenz verbindet.
In Toshio Hosokawas Kom­po­si­tion In Aji­mano für Stimme, Koto, Cel­lo und Ensem­ble find­et der Brück­en­schlag zwis­chen E-Musik und Eth­no auf ein­drucksvolle Weise statt; was auf der CD als tote Pause erscheint, offen­bart im Film seinen Sinn durch die Kör­per­be­we­gung der Koto-Spielerin, die das Weit­erklin­gen des Tons in der Stille verdeut­licht. Und Mauri­cio Sote­lo hat in sein­er Kom­po­si­tion «Crip­ta. Músi­ca para Lui­gi Nono» mit dem Ein­bezug des Fla­men­cosängers Arcán­gel etwas von dessen vitaler Inten­sität in seine eigene Musik hinüberg­erettet. Schade jedoch, dass die Aufze­ich­nung dieses Werks mehrfach unter­brochen wird durch Erk­lärun­gen des Diri­gen­ten Beat Fur­rer. Damit ergibt sich ein schlechter Kom­pro­miss zwis­chen Konz­ert­mitschnitt und Fea­ture. Das Werk­ganze wird zer­stört, und für eine anspruchsvolle Doku­men­ta­tion reichen diese State­ments nicht. Die beziehungs­los in die Musik einge­fügten Inter­viewteile sind im Grunde genom­men Lese­texte fürs Book­let oder Pro­grammheft. Das Mod­ell, das der Filmemach­er Pei­der A. Defilla in seinen vier­tel­stündi­gen «musi­ca viva»-Kurzfeatures für das Bay­erische Fernse­hen entwick­elt hat und das dort recht gut funk­tion­iert, lässt sich nicht ohne Ver­lust auf län­gere For­men über­tra­gen.
Als weniger prob­lema­tisch erweist sich dieses Ver­fahren bei Klaus Hubers Kom­po­si­tion «Die Erde bewegt sich auf den Hörn­ern eines Stiers» von 1992, dem ersten Werk, in dem sich Huber auf die ara­bis­che Musik ein­ließ. Die Wieder­gabe konzen­tri­ert sich bewusst auf kurze Auss­chnitte, so dass sich aus der Kom­bi­na­tion von Musik und Inter­view eine wenn auch ein­fach gestrick­te, so doch stim­mige Doku­men­ta­tion ergibt.
Dass ein Konz­ert­mitschnitt ohne Unter­brechun­gen auch fast eine Stunde lang auszuhal­ten ist, zeigt sich in der «Music for 18 Musi­cians» von Steve Reich. Was rel­a­tiv zahm und nach Ori­en­tierung suchend begin­nt, schaukelt sich mit der Zeit zu einem trance­haften Ensem­ble­spiel hoch, das die Musik wie eine in Raum und Zeit sich drehende Klangskulp­tur erscheinen lässt. Das Öster­re­ichis­che Ensem­ble für Neue Musik musiziert hier zusam­men mit den Lon­don­er Syn­er­gy Vocals und der Via Nova Per­cus­sion Group zupack­ender als in «City Life», Steve Reichs klin­gen­dem Porträt der Stadt New York, das hier allzu zart­füh­lend vor­ge­tra­gen wird.
Das Quatuor Dio­ti­ma ist mit Webern und Hosokawa, das Stadler Quar­tett mit Sergey Mal­ov als zweit­em Bratschis­ten mit Klaus Hubers Stre­ichquin­tett «Ecce Homines» zu hören und zu sehen. Der abrupte, mit ein­er über­raschen­den szenis­chen Aktion verknüpfte Bruch im let­zten Drit­tel von Hubers Quin­tett wird durch das Bild nun nachvol­lziehbar gemacht; bei ein­er Audioauf­nahme ver­ste­ht der Hör­er nicht richtig, was an dieser Stelle geschieht.
An solchen Momenten ein­er imma­nen­ten visuellen Dra­matik – sei es ein for­maler Bruch, ein ungewöhn­lich­es Instru­men­tar­i­um mit entsprechen­den Spiel­weisen, eine spez­i­fis­che Rau­manord­nung oder die Kon­frontation von Klang- und Noten­bild – sollte eine Visu­al­isierung von Konz­erten mit neuer Musik anset­zen und daraus ihre Bild­dra­maturgie ableit­en. So kämen die spez­i­fis­chen Werkqual­itäten im audio­vi­suellen Medi­um mit der nöti­gen Tiefen­schärfe zur Darstel­lung. Alles andere ist Sur­fen an der Ober­fläche.
Solche Ver­fahren erfordern allerd­ings viel Vor­bere­itungszeit; das kostet wiederum Geld und ist in der Neue Musik-Szene offen­bar nicht mehr zu leis­ten. Unter diesen Umstän­den sollte man von der Salzburg­er Doku­men­ta­tion über das rou­tinemäßige Abfil­men hin­aus nicht allzu viel erwarten. Doch hat sie, trotz manch­er Män­gel, dur­chaus einen Infor­ma­tion­swert. Das Bild liefert inter­es­sante Ein­sicht­en. Der Stereoton kön­nte jedoch bess­er sein und würde bei ein­er CD ver­mut­lich als unbe­friedi­gend emp­fun­den. Im Fla­men­co-Gesang gibt es zum Beispiel unschöne Pegelko­r­rek­turen, die den Musik­genuss beein­trächti­gen.

Max Nyf­fel­er