Shadows in Paradise

Hitler’s Exiles in Hollywood

Verlag/Label: EuroArts 2058268
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 80

Keine Heimkehr nach Berlin: Bilder aus der kali­for­nischen Emi­gra­tion

Mit sein­er Doku­men­ta­tion Shad­ows in Par­adise. Hitler’s Exiles in Hol­ly­wood liefert der New York­er Fil­mau­tor und Pro­duzent Peter Rosen einen Beitrag zum The­ma Exil­forschung, der mit ein­er Menge von authen­tis­chem Mate­r­i­al bril­liert. In den schö­nen Randge­bi­eten von Los Ange­les, zwis­chen Hol­ly­wood und San­ta Mon­i­ca, tum­melten sich in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhun­derts unfrei­willig die Größen der europäis­chen Musik­szene. Neben Inter­pre­ten wie Anton Rubin­stein, Jascha Heifetz und Gre­gor Piatig­orsky waren es zahllose Kom­pon­is­ten: Igor Straw­in­sky, Erich Wolf­gang Korn­gold, Arnold Schön­berg, Ernst Kr?enek, Mik­lós Rózsa, Ernst Toch, Max Stein­er, Hanns Eisler, Franz Wax­man – die Rei­he ließe sich lange weit­er­führen. Viele bemüht­en sich bei den Film­stu­dios verge­blich um Arbeit. Dazu kam die Crème der deutschsprachi­gen Lit­er­atur mit Thomas Mann, Brecht, Döblin, Feucht­wanger und anderen. Sie alle hat­te es als Ver­fol­gte der Nazis in dieses «Fege­feuer unter Pal­men» ver­schla­gen, wo sie untätig zuse­hen mussten, wie 9000 Kilo­me­ter ent­fer­nt ihre ent­fes­sel­ten Volksgenossen ganz Europa in Stücke schlu­gen.
Die gezeigten Bilder haben großen­teils Sel­tenheitswert. Was zum Beispiel son­st immer nur als hüb­sche Anek­dote die Runde macht – Schön­berg habe mit Gersh­win Ten­nis gespielt –, bekommt man hier zu sehen. Die his­torischen Film­doku­mente wer­den ergänzt durch Inter­views mit Nachkom­men und den weni­gen noch leben­den Zeitzeu­gen. Das Freiburg­er ensem­ble recherche steuert Neuauf­nah­men von damals ent­stande­nen Kom­po­si­tio­nen bei.
Inmit­ten der ewigen Blüten­pracht am Rande des Paz­i­fiks trafen Schick­sale aufeinan­der, wie sie kein Lit­er­at je hätte erfind­en kön­nen. Die einen kon­nten Fuß fassen und ver­fügten über Einkom­men und Sozial­pres­tige – wie Lion Feucht­wanger, der sich eine lux­u­riöse Vil­la hoch über dem Paz­i­fik leis­ten kon­nte, oder Thomas Mann, der selb­st­be­wusst sagen kon­nte: «Where I am, there is Ger­many.» Andere, wie sein Brud­er Hein­rich Mann, verküm­merten in der frem­den Umge­bung. Schön­berg, so erzählt seine Tochter Nuria, war als Kom­pon­ist prak­tisch inex­is­tent, doch die Leute, denen er sich vorstellte, begrüßten ihn mit Begeis­terung: «Oh, Mr. Schön­berg, ich weiß, wer sie sind! Sie sind der Vater von Ron­nie Schön­berg, der so gut Ten­nis spielt!» Auf die meis­ten dieser Emi­granten traf Alfred Pol­gars Bon­mot zu: «Der, dem es schlecht geht, lebt hier in entsch­ieden beque­meren trau­ri­gen Ver­hält­nis­sen als ander­swo.»
Bei allen tragis­chen Aspek­ten spart der Film nicht mit komis­chen und absur­den Details. In der Vil­la Feucht­wanger gab es wöchentliche, von Thomas Mann geleit­ete Diskus­sion­srun­den, an denen Leute wie Brecht, Adorno und Wer­fel teil­nah­men und die wie ein Rit­u­al abliefen. Sie began­nen immer mit ein­er Lesung Feucht­wangers aus eige­nen Werken, es gab Wiener Apfel­strudel zu essen und Punkt elf Uhr war Schluss, weil Mann zu Bett gehen wollte. Brecht wird von Zeitzeu­gen als notorisch übel­ge­launter Intellek­tueller beschrieben, «mit einem Gesicht­saus­druck, als würde er am näch­sten Tag ins KZ ein­geliefert». Thomas Mann mit Hut prostet bei der Garten­par­ty mit Orangen­saft in die Kam­era.
Das Jahrzehnt der europäis­chen Emi­gra­tion in Kali­fornien wirkt in dieser doku­men­tarischen Rück­blende wie ein kul­tureller Spuk – das bizarre Neben­pro­dukt ein­er Amok laufend­en Poli­tik im fer­nen Europa. Mit Beginn der McCarthy-Ära 1947 ging alles so schnell zu Ende wie es begonnen hat­te. Den ernüchtern­den Schlusspunkt des Films set­zen die Bilder von den Hear­ings des «Auss­chuss­es für unamerikanis­che Umtriebe» und Auf­nah­men aus dem zer­störten Berlin, das nie mehr wer­den würde, was es ein­mal war. Auch die Emi­granten waren nach ihrer Heimkehr andere gewor­den – wenn sie denn über­haupt zurück­kehrten.

Max Nyf­fel­er