So near so far

Stücke von Bernfried Pröve, Manuel Hidalgo, Erhard Grosskopf, Yuval Shaked, Jörg Birkenkötter und Jo Kondo

Verlag/Label: edition zeitklang ez-31029
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 87

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 4

Seine dur­chaus ungewöhn­liche Beset­zung hat dem Trio Accan­to keineswegs geschadet – ganz im Gegen­teil. Inzwis­chen blick­en Mar­cus Weiss (Sax­o­fon), Yukiko Sug­awara (Klavier) und Chris­t­ian Dier­stein (Perkus­sion) auf fast zwanzig Jahre erfol­gre­iche Zusam­me­nar­beit mit weit über fün­fzig Urauf­führun­gen zurück, ganz zu schweigen von der Tat­sache, dass alle Mit­glieder auch als gefragte Solis­ten oder Bestandteile ander­er Ensem­bles (ensem­ble recherche) gut unter­wegs sind. Es war also an der Zeit für ein aus­führlich­es Porträt, das aus­nahm­s­los mit Auf­tragskom­po­si­tio­nen einen Bogen schlägt vom Beginn der 1990er Jahre bis in die Gegenwart.
Label-Chef Bern­fried Pröve schickt hier gle­ich­sam das komposi­torische Gruß­wort voran mit seinen Frot­tages I‑III (2004), die auf der Su­che nach «ein­er neuen Art von expres­sivem Swing» kon­ven­tionelle Metrik bewusst außer Kraft set­zen und anmuten wie eine Mis­chung aus Schön­berg, spätem Ligeti und Jazz. Kon­se­quent aton­al, aber auch mit kon­se­quent verzwick­tem «Groove» frö­nen sie der Lust an Polyrhyth­mik und klang­far­blich­er Rei­bung und begeben sich den­noch immer wieder erfol­gre­ich auf die Suche nach Kor­re­spon­den­zen zwis­chen den Klan­quellen. Im Schlusssatz gerin­nt das mikro­tonale Spiel der Ober­ton­spek­tren beson­ders schön und kon­tem­pla­tiv zu einem Ver­schmelzung­sprozess von eige­nar­tiger Poesie.
Aus­ge­sprochen math­e­ma­tis­chen Ver­fahren ver­danken sich die instru­men­tal­en Energien in Hell 1 (1993/94) von Erhard Grosskopf, wo sich im Rah­men ein­er «Prozess­musik» har­monis­che Kon­stel­la­tio­nen in mehreren Zeitschicht­en kon­struk­tiv über­lagern. Bei allem Kalkül und the­o­retis­chen Über­bau klin­gen die Resul­tate jedoch über­raschend spon­tan, ein zer­split­tertes Net­zw­erk markan­ter Akzen­tu­ierun­gen, geräuschhaft einge­färbt durch elek­tro­n­is­ches Zuspielband.
Der vielle­icht abwechslungsreichs­te Beitrag dieser Kom­pi­la­tion ist Jörg Birkenköt­ter zu ver­danken, dessen Organ­i­sa­tion­sprinzip­i­en der Drei Sätze und Coda (2000/01) in ihrer mehr­dimensionalen Prozesshaftigkeit fast wie eine Hom­mage an das Struk­tur­denken Grosskopfs wirken und ein «Zeit-Netz» knüpfen, das «zunächst ganz ohne Rück­sicht auf die zu ver­wen­den­den Klänge ent­wor­fen ist». Eine labyrinthis­che, hoque­tusar­tig zer­schnit­tene Musik, die in vielfälti­gen Far­ben vor allem das Nicht-Zusam­men­hän­gende in den Vorder­grund rückt. Es ist im übri­gen erstaunlich, welch ver­wandte Klangergeb­nisse die Stücke von Erhard Grosskopf, Yuval Shaked und Jörg Birkenköt­ter zeit­i­gen, wo häu­fig min­i­male Impulse flüchtige Inter­ak­tio­nen in Gang setzen!
Ger­adezu aus dem Rah­men fällt da A Shrub (2000) des Japan­ers Jo Kon­do, der seine Klänge in paar­weisem Syn­chron­spiel entwick­elt und auf die Dif­feren­zen im schein­bar Iden­tis­chen aus ist, am Ende ganz wun­der­bar schräg.
Das Trio Accan­to offen­bart hier Tugen­den eines bestens einge­spiel­ten Ensem­bles: Auch kon­stru­ierteste Klang­prozesse kön­nen wie ein Ergeb­nis spon­tan­er Kom­mu­nika­tion erscheinen, und die Physis jeden einzel­nen Klangs wird zum unmit­tel­bar sinn­lichen Ereignis.
Dirk Wieschollek