Brass, Nikolaus

songlines für Solo Streicher

Verlag/Label: NEOS 11021
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/06 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

Hätte die Phrase nichts Bieder-Kon­ser­v­a­tives an sich, so käme man in Ver­suchung zu schreiben, dass in den song­lines für Solo-Stre­ich­er (2006/07) nir­gends «gegen das Instru­ment» kom­poniert wird. Aber es geht zum Glück auch anders: Niko­laus Brass’ Musik hat nichts Zwang­haftes, ihre Stärke ist ihre Selb­stver­ständlichkeit. Kan­tile­nen aus sein­er Fed­er kom­men stets wie aus einem Guss. Das ruhige Kreisen um einzelne Inter­valle kön­nte sich ins End­lose ziehen. Und dann wäre da noch diese organ­is­che Geschlossen­heit des gesamten Werks; auch oft mit nega­tivem Beigeschmack inter­pretiert, bei Brass aber in atem­ber­auben­der Vol­len­dung zu hören.
Vier Sätze umfassen die song­lines. Einger­ahmt sind sie von einem Pro­log und einem Epi­log, ein­mal unter­brochen von ein­er «inter­mis­sion» für Vio­la solo. Meist nach innen gewen­det ist der Ges­tus der etwa zwölfminüti­gen Sätze. Ein­er Med­i­ta­tion in höch­sten Reg­is­tern gle­icht «song­lines I» für Vio­line. Aus­ge­feilt sind die mehrstim­mi­gen Akko­rde, durch­set­zt mit Glis­san­di auf engem Raum. Vor­bere­it­et durch die entspan­nte «inter­mis­sion» erre­icht Brass in den zen­tralen «song­lines III» für Vio­la eine Kun­sthöhe, die sich messen lassen kann mit den Hauptwerken der Vio­la-Lit­er­atur, etwa mit Pier­lui­gi Bil­lones ITI KE MI (1995). Ver­gle­ich­sweise weniger radikal, aber zugle­ich flex­i­bler zeigt sich Brass. Gläsern frag­ile Fla­geo­lett-Pas­sagen gehen bruch­los über in aus­ge­feilte, ordi­nario gespielte Mehrstim­migkeit, dann wieder fol­gen flächige Episo­den, manch­mal mit brüchiger Tonge­bung im Forte, dann wieder mit feinst dosiertem Bogendruck.
Ohne den spezial­isierten Inter­pre­ten kom­men die song­lines nicht aus. Mit Helge Slaat­to (Vio­line), Klaus-Peter Werani (Vio­la), Erik Bor­gir (Cel­lo) und Frank Rei­necke (Kon­tra­bass) kann sich Brass glück­lich schätzen. Aufopfer­ungsvoll müssen sich die Her­ren vor­bere­it­et haben, allein instru­men­tale Fähigkeit­en erk­lären die beson­dere Intim­ität der Auf­nah­men nicht. An dieser haben auch die Tech­niker und der Pro­duzent Hel­mut Rohm aus dem Hause des Bay­erischen Rund­funks ihren Anteil: Stim­mig ist die Mikro­fonierung; zwis­chen auf­dringlich­er Nähe und Dis­tanz ist genau das richtige Maß gefun­den. Sub­jek­tive Kom­mentare der Inter­pre­ten run­den im Book­let eine furiose Pro­duk­tion ab. «Eine entrück­te Musik, sehn­süchtig, intim, fein­nervig, sich selb­st leise zusin­gend», beschreibt der Cel­list Erik Bor­gir seine Ein­drücke. Kaum etwas ist hinzuzufü­gen. Nur noch: Höchstnoten.

Torsten Möller