Sonic.art Saxophonquartett performing Ligeti, Tüür, Katzer, Lévy, Neuwirth, Xenakis

Verlag/Label: Genuin GEN 10164
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/05 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 3
Gesamtwer­tung: 4

Die klas­sis­che Lit­er­atur für Sax­o­fon­quar­tett ist schmal. Der Grund dafür ist so triftig wie schlicht. 1842 reiste der bel­gis­che Musikin­stru­menten­bauer Adolphe Sax mit dem Pro­to­typ des Instru­ments im Gepäck nach Paris. Zwar waren Kom­pon­is­ten wie Jacques Fro­men­tal Halévy, Daniel-François-Esprit Auber oder Hec­tor Berlioz Feuer und Flamme, vere­int das Sax­o­fon doch die Vorzüge von Blech- und Holzblasin­stru­menten. So richtig Kar­riere gemacht hat das Sax­o­fon allerd­ings erst im 20. Jahrhun­dert in Jaz­zfor­ma­tio­nen und bei exper­i­men­tier­freudi­gen Kom­pon­is­ten der Avant­garde-Szene. Die Arbeit des «sonic.art Sax­ophon­quar­tetts» (Ruth Vel­ten, Sopransax; Alexan­der Doroshke­vich, Alt­sax; Mar­tin Poseg­ga, Tenor­sax; Annegret Schmiedl, Bari­ton­sax) ist, wenn man so will, Teil und Abbild dieser Geschichte. Das Ensem­ble ist ohne Unter­lass auf der Suche nach schreib­willi­gen Kom­pon­is­ten, nach unbekan­nten Kom­po­si­tio­nen und nach solchen, die sich adäquat bear­beit­en lassen.
Mit der vor­liegen­den CD, heraus­gegeben vom Deutschen Musikrat in Zusam­me­nar­beit mit dem Deutsch­land­funk, legt das Ensem­ble nicht nur ein beein­druck­endes Zeug­nis sein­er instru­men­tal­en und musikalis­chen Fer­tigkeiten vor, es bietet einen sorgfältig aus­gewählten Quer­schnitt von Werken aus der Fed­er einiger Iko­nen des 20. Jahrhun­derts und von Kom­pon­is­ten der jün­geren Gen­er­a­tion. Am Beginn ste­hen die «Six Bagatelles» für Klavier Musi­ca ricer­ca­ta (1951–53) von Györ­gy Ligeti, mit dessen Erlaub­nis von Guil­laume Bour­gogne für Sax­o­fon­quar­tett (1997) ein­gerichtet. Die Stücke in ihrer extrem nervös aufge­lade­nen Motorik und ver­track­ten Rhyth­mik – nach eige­nen Auskün­ften bezog sich Ligeti auf die Kom­pon­is­ten, die pianis­tisch dacht­en: Scar­lat­ti, Chopin, Schu­mann, Debussy – wer­den von «sonic.art» akribisch auf ihre Klang­far­bigkeit hin unter­sucht – ein Para­me­ter, der in der Orig­i­nal­fas­sung nur von den Besten der Klavierzun­ft dargestellt wer­den kann. 
Dass in der Folge Erk­ki-Sven Tüürs Lamen­ta­tio (1994), Georg Katzers Wie ein Hauch … doch manch­mal (1993) und Fabi­en Lévys Durch (1998) zu hören sind, ist dra­matur­gisch wohl kalkuliert. In jedem dieser Werke wird auf je eigene Art die Wech­sel­wirkung von Klan­graum und Klang­farbe abge­tastet. For­mal gese­hen geht Lévy den schein­bar extrem­sten Weg. Immer dann, wenn seine Musik sich zu for­men scheint, sprengt er wieder einzelne Ele­mente aus dem Ver­lauf her­aus, exponiert sie, um sie dann wieder in einen Form gener­ieren­den Ver­lauf zu zwingen. 
Mit diesem Ver­fahren bewegt er sich nahe her­an an die Xenakis-Kom­po­si­tion, die den Titel XAS trägt, der eine Umkehrung des Worts «Sax» ist und Namen­skürzel des Kom­pon­is­ten zugle­ich. Und doch ist die Kom­po­si­tion Xenakis’ in ihrer kühl berech­neten Struk­tur, in der Dichte der Tex­tur, ihren akribisch kon­stru­ierten Klang­far­ben diejenige, welche die Quar­tet­tfor­ma­tion auf das Höch­ste fordert. Dass das sonic.art Sax­ophon­quar­tett keine Wün­sche offen lässt, macht diese auch dra­matur­gisch so geschickt angelegte CD zu ein­er Entdeckung.

Annette Eckerle