Forch/Furt

Spukhafte Fernwirkung

Verlag/Label: Treader trd020
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/03 , Seite 83

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Es war Rein­hard Kagers Lei­den­schaft als SWR-Redak­teur 2002 bis 2012, Elek­tron­ik in die impro­visierte Musik einzubrin­gen und mit Instru­mentalk­län­gen zu verbinden. Bere­its 2005 lud er Richard Bar­rett und Paul Ober­may­er ein, das Elek­tron­ik-Duo FURT zu dem größeren Ensem­ble fORCH zu erweit­ern: Dabei ste­ht «f» für FURT, «ORCH» für Orch­ester.
Zu sein­er let­zten NOW Jazz Ses­sion der Donaueschinger Musik­tage, an der auch Julia Neu­pert schon mit­gewirkt hat, bat er Bar­rett und Ober­may­er, noch ein­mal ein Stück für fORCH zu schreiben. Auf der CD ist zuerst die 41-minütige Grup­pen-Impro­vi­sa­tion-Kom­po­si­tion spukhafte Fer­n­wirkung zu hören, dann das 17-minütige Duo Hmyz, eben­falls uraufge­führt bei den Donaueschinger Musik­ta­gen, hier allerd­ings in ein­er Stu­dioein­spielung. Kom­po­si­tion meint in diesem Fall, wie in der impro­visierten Musik üblich, zunächst Struk­turierung. Bar­rett/Obermayer haben das Stück unterteilt in Duo, Trios, Quar­tette und ver­schiedene Vari­anten begleit­eter Solostim­men. Wobei Duo nicht heißt, dass alle anderen zwangsweise ruhig zu sein ha­ben, vielmehr bleibt die Entwick­lung offen. Dazu kommt, dass die bei­den Lap­top-Artis­ten Mate­r­i­al aus den Proben mit ein­spie­len, so dass ten­den­ziell eine sehr hohe Dichte entste­ht und sich Instru­men­tal- und Vokalk­länge manch­mal kaum von ihren Dop­pel­gängern unter­schei­den. Reduk­tion erscheint insofern notwendig.
Es begin­nt also mit dem Schlagzeug des ver­sierten Paul Lovens und den Har­fen von Rho­dri Davies, die so gar nicht nach Harfe klin­gen. Dann ste­hen sich Phil Minton und Ute Wasser­mann mit ihrer unver­gle­ich­lichen Vokalartis­tik gegenüber, schließlich Lori Freed­man an der Klar­inette und John Butch­er, der gern Spaltk­länge auf dem Sax­o­fon pro­duziert. Hier zeigt sich, dass nicht nur die Elek­tron­iker Instru­mentalk­länge ver­ar­beit­en, son­dern auch, wie sich umgekehrt die erweit­erten Spiel­tech­niken der Instru­mente an elek­tro­n­is­ch­er Musik ori­en­tieren – genau dies besagt ja Lachen­manns Begriff der «Musique con­crète instru­men­tale».
Eben solche geräuschhaften, nicht herkömm­lichen Spiel­tech­niken sind längst fes­ter Bestandteil der impro­visierten Musik. Umgekehrt lässt sich sagen, dass erst die impro­visierte Live-Elek­tron­ik eine auch im Konz­ert anhör­bare Lebendigkeit erre­icht, auch wenn die Verbindung zwis­chen den reg­los hin­ter ihren Lap­tops sitzen­den Musik­ern und den Klän­gen aus dem Laut­sprech­er immer etwas rät­sel­haft bleibt. Zwis­chen Instru­menten, Stim­men und Elek­tron­ik ergeben sich also inter­es­sante Wech­sel­wirkun­gen in bei­de Rich­tun­gen.
Dage­gen bietet das zweite Stück einen Ver­gle­ich, wie sich die Ästhetik der split­tern­den Klangkaskaden rein elek­tro­n­isch anhört. Während die Auf­nahme der größeren Beset­zung den Konz­ertein­druck nur begren­zt wiedergeben kann, lässt sich das elek­tro­n­is­che Stück allerd­ings eben­so gut zuhause anhören.
Diet­rich Heißen­büt­tel