Vinko Globokar, Klaus K. Hübler, Ernstalbrecht Stiebler, Bernhard Lang, Matthias Kaul, Michael Reudenbach

Stimmhaft | Voiced

Werke für Flöte solo

Verlag/Label: artist.cd ARTS 81132
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2008/06 , Seite 69

Musikalische Wertung: 5
Technische Wertung: 5
Repertoirewert: 4
Booklet: 4
Gesamtwertung: 5
 

Anthologien mit Kompositionen für Solo-Flöte mag der zweifelhafte Ruf anhängen, dass sie sich gern mal in stereotypen Formen instrumentalen Virtuosentums samt des üblichen Inventars unkonventioneller Spieltechniken erschöpfen. Doch wer sich in diesem Recital von Astrid Schmeling langweilt, ist selber Schuld, könnten die hier ausgewählten Kompositionen doch vielgestaltiger nicht sein. Die Integration der menschlichen Stimme ist in dieser Sammlung auf ganz verschiedene Weise ein wesentlicher Faktor der Musik und für die Flötis­tin ein elementares Mittel zur Erweiterung und Modulation der angestammten Mittel. Stücke wie Klaus K. Hüblers raumgreifendes Palimpsest – Konjektionen für Bass­flöte (1989/ 2003) bilden trotz offener Formkonzeption in ihrer konventionellen Tongebung da eher die Ausnahme.
«Stimmhaft» – auf wen könnte dieses Attribut besser passen als auf Vinko Globokar, der die Interaktionen vokaler, instrumentaler und thea­­traler Ausdrucksmittel ausgereizt hat wie kaum kein Zweiter. Der Monolith von 1976 verlangt permanent simultane, doch größtenteils voneinan­der unabhängige Artikulationen von Stim­me und Instrument, die in gegen­läufiger Bewegungsdichte von vituosen melodischen Floskeln und Liege­tönen faszinierende Farbmischungen erzeugen. Es ist bemerkenswert, wie Schmeling sich durch diese heterophonen Parallelwelten be­wegt, was – nicht ohne burleske Untertöne, versteht sich – einer Gratwanderung an der Grenze des Ausführbaren gleichkommt, zumal ständig zwischen Piccolo- und Bassflöte gewechselt werden muss.
Wie gewohnt ganz auf die elementare Wirkung der Klangfarbe angelegt ist der Beitrag von Ernstal­brecht Stiebler. Sein TEXT für Bass­flöte und Klangverzögerung (1998), ein kontemplatives Abtauchen in eine mikrotonal-fluktuierende Statik, bedient sich elektronischer «Ton-Verlängerungen» per Delay und fächert eine melodische Linie bis zur Unkenntlichkeit in einen mehrstimmigen Satz irisierender Schwebungen und Vibrationen auf. Bernhard Lang exerziert in seiner Schrift 1.2 (1998) das genaue Gegenteil: eine rastlose «écriture automatique» in pseudo-improvisatorischem Gewand, deren flüchtiges Gekritzel fast anmutet wie das musikalische Pendant einer Malerei von Cy Twombly.
Eine der bemerkenswertesten Konzeptionen stellt White Noise’n Colours von Matthias Kaul dar, Schmelings langjährigem Weggefährten im Ensemble L’art pour l’art. Das Stück für Bassflöte mit Talkbox widmet sich mit subtilen Geräuschfarben und perkussiven Klangtupfern dem «Weißen Rauschen», indem Kaul vorproduzierte Perkussionsklänge direkt zur Transformation in die Flöte schickt.
Für einen unprätentiösen Abschluss sorgen die Mirlitonnades (1991) von Michael Reudenbach, die das gleichnamige Beckett-Gedicht in zerbrechliche Andeutungen aus Laut, Geräusch und Ton auflösen, denen man nicht zuletzt dank Schmelings Differenzierungskünsten gerne länger als knapp drei Minuten gelauscht hätte.

Dirk Wieschollek