Feldman, Morton

String Quartet No. 1 / Structures / Three Pieces

Verlag/Label: mode records, mode 269/70
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2015/03 , Seite 77

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Dem New York­er FLUX-Quar­tett ver­danken wir bere­its eine wun­der­volle Auf­nahme von Mor­ton Feld­mans zweit­em Stre­ichquar­tett, die 2001 ent­stand. Erst jet­zt legt mode records das 2009 aufgenommene erste Quar­tett nach, das mit Feld­mans ge­gen Ende der 1970er Jahre sich mehr und mehr ver­fes­ti­gen­der Idee, Stücke von sehr langer Dauer zu schreiben, ernst macht. Mit seinen zwei Stun­den Spielzeit ist es allerd­ings noch immer­hin ca. vier Stun­den kürz­er als das String Quar­tet No. 2 (1983)
– also eine kurze und bündi­ge «Vorstudie» zum späteren Langstreck­en­lauf, wenn man so will.
1979 war ein gutes Stre­ichquar­tett-Jahr: Lui­gi Nonos Frag­mente – Stille, An Dio­ti­ma und Feld­mans String Quar­tet No. 1 markierten – in der raum­greifend­en Ver­ket­tung kle­in­ster frag­men­tarisch­er Sin­nein­heit­en bei­de nicht unähn­lich – zwei völ­lige Neubes­tim­mungen der Gat­tung und in der Sprache der Kom­pon­is­ten eine ästhetis­che Radikalisierung im Sinne der reduk­tiv­en Konzen­tra­tion auf we­­sentliche Aus­drucksmo­mente.
Man kann immer wieder nur staunen ob der rät­sel­haften Einzig­artigkeit der Feldman’schen Musik, die kein Gegen­stück hat, obwohl sie im Wesentlichen aus nichts anderem be­steht als aus Ton­höhen, erst recht im klang­far­blich rel­a­tiv homo­ge­nen Medi­um Stre­ichquar­tett. Nichts vorder­gründig Unkon­ven­tionelles oder gar Spek­takuläres ist darin, keine unkon­ven­tionellen Spiel­tech­niken, spek­takulären Klang­far­ben, drama­tis­che Expres­siv­ität, und den­noch klingt diese rein instru­men­tale Klang­welt, als käme sie von einem anderen Plan­eten.
Nach den kog­ni­tiv­en Gren­z­er­fahrun­gen, denen sich das FLUX-Quar­tett in ein­er (pausen­losen) Live-Per­for­mance des zweit­en Quar­tetts aus­set­zte, dürfte diese Ein­spielung ein Leicht­es gewe­sen sein: Mit größter Zartheit, Zer­brech­lichkeit und Klarheit kommt Feld­mans kon­tem­pla­tive Assem­blage daher und zieht einen gle­ich mit den ersten Klän­gen in ihren Bann. Jed­er Augen­blick will hier für sich wahrgenom­men wer­den in der unendlich sub­tilen Vari­a­tion und Ro­tation kle­in­ster Fig­u­ra­tio­nen und sub­tilster Klang­far­ben- und Beleuch­tungswech­sel, wobei herkömm­liche Kon­turen von Zeit und Raum wie in Trance aufgelöst wer­den.
Bekan­ntlich ist das String Quar­tet No. 1 nicht Feld­mans erster Gat­tungs­beitrag; insofern kom­plet­tieren die Struc­tures (1951) und Three Pieces for String Quar­tet (1954–56) diese FLUX-Auf­nah­men zur ersten Gesamtein­spielung aller Stre­ichquar­tette Feld­mans. Nicht viele For­ma­tio­nen kön­nen von sich behaupten, sich dieser Her­aus­forderung gestellt zu haben. Inter­es­sant, dass schon in diesen eher apho­ris­tis­chen, vom gestis­chen Punk­tualismus Weberns inspiri­erten Stück­en fast alles da ist, was den späteren Feld­man aus­macht: das fun­da­men­tale Wech­sel­spiel von Klang und Stille, Form als Ver­ket­tung klein­er varia­tiv­er Wieder­hol­ungss­chleifen und ein unwirk­lich vibra­tolos­es Spiel.
Wer auf der beige­fügten DVD
Visuelles erhofft, sieht sich getäuscht
– es han­delt sich um eine rein akustis­che Präsen­ta­tion der Aufnah­me im DTS 5.1 Sur­round Sound, die eine lück­en­lose Wahrnehmung des Ganzen ermöglicht.    Dirk Wieschollek