Vasks, Peteris

String Quartets nos. 1–3

Verlag/Label: Challenge Classics CC72365
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/01 , Seite 87

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 4

Auf­fäl­lig ist die Rei­hen­folge von Pe¯­teris Vasks’ Stre­ichquar­tet­ten auf dieser CD. Sie begin­nt mit dem drit­ten Quar­tett aus dem Jahre 1995 und endet mit dem ersten, das 1977 ent­standen ist. Ob sich hin­ter diesem Arrange­ment ein bes­timmtes Konzept ver­birgt, ist unklar. Inter­es­sant ist allerd­ings, dass das let­zte Quar­tett von ein­er klan­glichen Schärfe und Sper­rigkeit gekennze­ich­net ist, die in den vorherge­hen­den Stück­en nicht zu vernehmen ist. Bravourös meis­tern die Instru­men­tal­is­ten die kom­plizierte Par­ti­tur, manövri­eren ele­gant und präzise durch dichte Ton­clus­ter, lösen anspruchsvolle rhyth­mis­che Prob­leme, artikulieren elo­quent unter­schiedliche Klang­far­ben und set­zen müh­e­los erweit­erte Spiel­tech­niken ein. Es ist eine Freude, dem Navar­ra Quar­tet zuzuhören. Die Musik­er spie­len mit viel Enthu­si­as­mus, der durch die gute Auf­nahmequalität noch her­vorge­hoben wird. Der Sound ist trans­par­ent, man hört jede fein­ste Bewe­gung, ste­ht mit­ten im Klang – selb­st das Atmen der Spiel­er ist wahrnehm­bar. Das kommt beson­ders in den leisen und intro­vertierten Auss­chnit­ten gut an, die dadurch noch intimer wirken.
So wie viele osteu­ropäis­che Kom­pon­is­ten teilt auch der Lette Pe¯teris Vasks eine Vor­liebe für melan­cholis­che Melo­di­en. Im Begleit­text wird seine Musik sog­ar als «Herz­schlag des Lei­dens» beze­ich­net – eine passende Analo­gie. Vasks Kom­po­si­tio­nen sind rhyth­misch, ener­gisch, voller Leben und Entwick­lung. Gle­ichzeit­ig ist ihnen eine zer­mür­bende Schw­er­mut eingeschrieben. Der in Riga lebende Kom­pon­ist beze­ich­net diesen Wider­spruch als eine «Freude in Moll». Das Moment der Trauer in seinen Stück­en speist sich schein­bar aus der dama­li­gen poli­tis­chen Sit­u­a­tion seines Lan­des, der kom­mu­nis­tis­chen Unter­drück­ung, die offen­bar noch bis heute als kollek­tives Trau­ma in der let­tis­chen Gesellschaft nach­wirkt. Vasks Musik ist eine Ver­ar­beitung der Geschichte Let­t­lands, ein Appell an seine Land­sleute, die Schön­heit der Welt zu erken­nen, die ihnen so lange ver­schlossen geblieben ist.
Als expliz­it poli­tis­chen Kom­pon­is­ten ver­ste­ht er sich allerd­ings nicht. Seine Musik dient nicht der Agi­ta­tion, son­dern möchte Trost spenden und eine Stimme des Gewis­sens sein. Sie kämpft gegen das Vergessen an. Dafür ver­wen­det Vasks zum Beispiel Ver­satzstücke aus der let­tis­chen Volksmusik, mit denen er auf die reiche
Tra­di­tion sein­er Heimat ver­weisen möchte, die das Sow­je­tregime zu zer­stören beab­sichtigte. Diese musikalis­chen Par­tikel sind beson­ders im drit­ten Stre­ichquar­tett zu hören.
Darüber hin­aus bilden Vogel­stim­men eine wichtige Rolle inner­halb der drei Kom­po­si­tio­nen, die Vasks mit ele­gan­ten Stre­icher­fig­uren nachzuah­men ver­ste­ht. Der Vogel versinnbildlicht in diesem Fall den Gedanken der Frei­heit, das Konzept ein­er unbezwing­baren Natur, die keine Gren­zen ken­nt und nicht domes­tizier­bar ist. Diese Idee spiegelt sich allerd­ings nicht nur in einem konzeptuellen Denken wider, sie ist auch konkret in der Musik vertreten, näm­lich in einem Sound, der aus der Fed­er eines selb­st­be­wussten Kom­pon­is­ten stammt – ruh­e­los und stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen.
Raphael Smarzoch