Süden | Mauricio Kagel in Buenos Aires

Ein Film von Gastón Solnicki

Verlag/Label: Kairos 0013172
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/03 , Seite 80

Zurück in Buenos Aires: Mauri­cio Kagel zu Besuch in der alten Heimat

Im Jahr 2006 besuchte der Kom­pon­ist Mauri­cio Kagel erst­mals wieder seine alte Heimat Argen­tinien. Seit dem Mil­itär­putsch von 1976 war er nicht mehr dort gewe­sen. Nun, zwei Jahre vor seinem Tod, kam er nach Buenos Aires, um für ein ein­wöchiges Kagel-Fes­ti­val am Teatro Colón eigene Werke einzus­tudieren und zu dirigieren. Die Doku­men­ta­tion des argenti­nischen Filmemach­ers Gastón Sol­nic­ki, die bei dieser Gele­gen­heit ent­stand, will eigentlich nichts anderes als ein Komponis­ten­porträt sein. Doch sie gibt unge­wollt auch gle­ich einen Ein­blick in die Struk­turen und Men­tal­itäten des dor­ti­gen Musik­lebens, die sich von denen in einem hochen­twick­el­ten europäis­chen Land, wo die Insti­tu­tio­nen sta­bil und die Sub­ven­tio­nen hoch sind, erhe­blich unter­schei­den. Musik hat in Argen­tinien noch einen anderen Stel­len­wert. «Ich weiß, in Buenos Aires ist Musik leben­snotwendig», sagt Kagel. «Sie ist auch ein Ersatz für vieles, was nicht klappt.»
Mit rel­a­tiv ein­fachen Mit­teln – zwei Kam­eras und altes Fernse­hfor­mat 4:3, aber gute Ton­qual­ität – ist ein leben­sna­h­es Porträt Kagels ent­standen, in dem der konzen­tri­erte Blick auf den Gegen­stand immer wieder durch Spon­taneität und Witz aufge­lock­ert wird. Der Film­schnitt trägt viel zu diesem Ein­druck bei, aber auch die Auf­nah­men selb­st ver­rat­en viel Gespür für das kleine, aber aus­sagekräftige Detail. Mit unauf­dringlich­er Neugierde begleit­et die Kam­era den Kom­pon­is­ten bei sein­er Wieder­ent­deck­ung der altver­traut­en und doch fremd gewor­de­nen Umge­bung. Sie geht mit ihm auf die Straße und in die The­aterkan­tine, beobachtet ihn im spon­ta­nen Gespräch mit Bekan­nten und Unbekan­nten und bei der Probe­nar­beit mit den vor­wiegend jun­gen Inter­pre­ten, die seine Musik erst­mals spie­len. Die erwartungsvolle Ner­vosität hin­ter den Kulis­sen, die sich vor dem Konz­ert bei Kom­pon­ist und Inter­pre­ten bemerk­bar macht, wird beispiel­haft einge­fan­gen. Sichtlich gerührt reagiert Kagel auf die Sym­pa­thiebekun­dun­gen, die ihm ent­ge­gen­schla­gen.
Eine geistige Leichtigkeit prägt die Begeg­nun­gen, und die kleinen Missver­ständ­nisse und Prob­leme, die bei dieser Kon­fronta­tion des Per­fek­tion­is­ten Kagel mit den Unzulänglichkeit­en des argen­tinis­chen Musik­lebens auftreten, wer­den in der Probe mit Charme und Humor über­wun­den. Auf­takt zum ersten Akko­rd: Kein Schlagzeuger! «Er kommt noch, jet­zt geht er wohl ger­ade von der Arbeit weg.» Wo ist die Harfe bei Zif­fer sieben? «Verzei­hung, sie wird ger­ade hereinge­tra­gen.»
Diese Mis­chung von Lock­er­heit und Arbeit­sernst zeich­net den Film ins­ge­samt aus und hält das Inter­esse des Zuschauers gle­ich­mäßig wach. Das Porträt ver­strömt men­schliche Wärme und wahrt zugle­ich respek­tvolle Dis­tanz zur Per­son – eine Kun­st der Men­schen­beobach­tung, die nicht vie­len gelingt. Vielle­icht braucht es dazu den Erfahrung­shunger junger Kun­sten­thu­si­as­ten aus ein­er Kul­tur­land­schaft wie Argen­tinien, die noch nicht so sat­uri­ert ist wie die unsere.

Max Nyf­fel­er