Pärt, Arvo

Symphony No. 4

Verlag/Label: ECM New Series 2160
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/06 , Seite 85

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 3
Book­let: 3
Gesamtwer­tung: 4

Unge­brochen scheint die Fasz­i­na­tion, die das Werk von Arvo Pärt auf viele Hör­er ausübt; nach wie vor stich­haltig sind allerd­ings auch die Vor­be­halte, die ihm von seinen Kri­tik­ern ent­ge­genge­bracht wer­den. Der Erfolg sein­er Musik ver­dankt sich ihrer eingängi­gen Sinnlichkeit in Verbindung mit ein­er unmit­tel­baren Sog­wirkung, die wiederum auf einem beständi­gen melodis­chen Fluss und dem Reiz ein­dringlich­er perkus­siv­er Impulse beruht. Nicht anders ist es auch bei Pärts 4. Sym­phonie mit ihren langge­zo­ge­nen Klangflächen, die sich ohne jegliche Berührungsäng­ste mit klas­sis­ch­er Dur-Moll-Har­monik und Pärts obliga­ten Glöckchen eine gute halbe Stun­de lang entfalten. 
Wenn bald nach Beginn ein langer, pathetis­ch­er Tut­ti-Gesang mit wuchti­gen, von Glock­en aller Größen geprägten Schlä­gen ein­set­zt, ver­fes­tigt sich bere­its der Ein­druck ein­er Musik als Rit­u­al, die an nachro­man­tis­che Tra­di­tio­nen anknüpft. «Wie ein Kon­dukt» kön­nte etwa über der abschließen­den Pas­sage des ersten Satzes («Con sub­lim­ità») ste­hen, ohne dass er freilich an die Brüchigkeit der Par­ti­turen Mahlers anstreifen würde. 
Vielmehr scheint Pärt auf ein rein affir­ma­tives Hören abzuzie­len – erst recht bei den schreien­den Gebär­den des mit­tleren Satzes («Affan­noso»), welch­er bewegte Pizzi­ca­to-Pas­sagen und expres­sive Stre­icher­lin­ien miteinan­der verbindet, die schon im ersten Satz eine Rolle gespielt hat­ten. Nach einem ein wenig an Samuel Bar­ber erin­nern­den, hart an der Kitsch-Gren­ze ange­siedel­ten Kantabile über­rascht der Schlusssatz («Deciso») allerd­ings mit spröder Kon­tra­punk­tik, die gegenüber der vor­ange­gan­genen Sphären­musik kämpferisch wirkt und sich mit der Wid­mung der Sym­phonie an Michail Chodor­kows­ki, des inhaftierten und vor Gericht gestell­ten regimekri­tis­chen rus­sis­chen Geschäfts­man­ns, verbinden ließe. 
Als «Ver­beu­gung vor der starken Kraft des Geistes und der Würde des Men­schen» will der est­nis­che Kultkom­pon­ist sein Auf­tragswerk für das Los Ange­les Phil­har­mon­ic Orches­tra ver­standen wis­sen, das hier in einem Mitschnitt der Urauf­führung im Jän­ner 2009 unter Leitung von Esa-Pekka Salo­nen mit vib­ri­eren­der Inten­sität und ätherischem Stre­icherk­lang vor­liegt. Der Unter­ti­tel Los Ange­les weist laut dem äußerst sparsamen Book­let­text darauf hin, dass sich Pärt dabei mit dem The­ma Engel bzw. Schutzen­gel befasst habe. Schon vor Erhalt des Auf­trags aus den Vere­inigten Staat­en habe er sich mit dem Gedanken ge­tragen, einen «Kanon an den heili­gen Schutzen­gel» zu verarbeiten. 
Dazu passen die Auss­chnitte aus Pärts homo­phon­er Ver­to­nung des ortho­dox­en kirchenslaw­is­chen Hym­nus Kanon poka­ja­nen (1997), die eben­falls auf der CD zu hören sind: Der Est­nis­che Phil­har­monis­che Kam­mer­chor mit seinem Diri­gen­ten To¯nu Kaljuste versinkt allerd­ings in der Tallinner Niko­laikirche hin­ter einem über­akustis­chen Schleier.

Daniel Ender