Birtwistle, Harrison

The Minotaur

Verlag/Label: Opus Arte BD7052D (1 Blu-ray), OA1000D (2 DVD)
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/03 , Seite 78

Blu­torgien im Labyrinth: «The Mino­taur» von Har­ri­son Birtwistle

Unheilschwan­gere Bilder und eine düstere, wilde Musik, die bis in ani­malis­che Dimen­sio­nen vorstößt: Der Zweiak­ter The Mino­taur von Har­ri­son Birtwistle in der Pro­duk­tion des Roy­al Opera House von 2008 steigt tief in die psy­chol­o­gis­chen Abgründe des Mythos hinab und zeigt das im Labyrinth einges­per­rte Unge­heuer als tragis­ches Zwit­ter­we­sen. In den blutrün­sti­gen Gewal­torgien mit seinen Opfern wird es zum mon­strösen, unar­tikulierte Laute ausstoßen­den Triebtäter, im Traum und im Moment des Todes gewin­nt es Sprach­fähigkeit und zeigt men­schliche Empfind­un­gen. John Tom­lin­son bringt bei­de Seit­en dieser extrem schwieri­gen Rolle mit gle­ich­er Inten­sität zur Darstel­lung. Auch The­seus, der Mörder des Mon­sters, und Ari­adne, Wäch­terin des Labyrinths wider Willen, sind scharf geze­ich­nete Figuren.
Werk und Auf­führung sind in enger Zusam­me­nar­beit zwis­chen Birtwistle, dem Lib­rettisten David Harsent und dem Insze­nierung­steam ent­standen, was den geschlosse­nen und über­aus pack­enden Gesamtein­druck erk­lärt, den das Werk auch am Bild­schirm hin­ter­lässt. Was man zu sehen und zu hören bekommt, ist eine mit heuti­gen Mit­teln gestal­tete griechis­che Tragödie.
Die Musik des 76-jähri­gen Kom­pon­is­ten ist bekan­ntlich alles andere leicht ver­daulich; dicht ineinan­der verknäuelte Instru­men­tal­stim­men und Schicht­enüber­lagerun­gen machen aus seinen Par­ti­turen oft anstren­gende Hör­erleb­nisse. Doch in Verbindung mit der Szene wirken hier seine son­st so sper­ri­gen Tex­turen plöt­zlich unge­mein bild­haft, wenn nicht sog­ar affek­t­steigernd. Das Orch­ester unter Anto­nio Pap­pano lädt sie mit drama­tis­ch­er Inten­sität auf, ohne je dick aufzutragen.

Max Nyffeler