Klink, Steve

The Ocean

Verlag/Label: DMG 54.218119.2
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 86

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 4

Im Song­text von Jimi Hen­drix’ «Cas­tles Made of Sand» heißt eine im Book­let zitierte Zeile: «And so cas­tles made of sand, slip into the sea, even­tu­al­ly». Als Meta­pher, die den akustis­chen Zugang zur neuen CD des Pianis­ten und Kom­pon­is­ten Steve Klink steuert, taugt diese Zeile nicht nur für die hier wiedergegebene Inter­pre­ta­tion durch Klink. Sie verbindet in der bei Hen­drix exzes­siv­en, bei Klink eher beschei­de­nen Inter­pre­ta­tion auch die Auswahl der anderen Stücke wie ein Lauf­band, auf dem die Musik wie auf einem Gemälde die Gefahren und Schön­heit­en des Ozeans als Wellen­re­it­er illus­tri­ert. Sowohl die kom­plette CD als auch das «Kind of Waves» beze­ich­nete Stück kön­nen in beliebiger Titel­rei­hen­folge gespielt wer­den.
In auf klas­sis­che Weise kom­poniert­er Musik – egal welch­er Stil­rich­tung, aus welch­er Zeit und mit welch­er Instru­men­tierung – war der Zufall meis­tens kein Part­ner des Kom­pon­is­ten. Bei Steve Klink ste­ht das musikalis­che Zufall­sprinzip – frei nach John Cage – jedoch im Mit­telpunkt seines neuen Albums «The Ocean». John Cage als Vor­denker ein­er Musik des Zufalls, dessen the­o­retis­che und prak­tis­che Arbeit­en in der zeit­genös­sis­chen Musik weite Ver­bre­itung fan­den – sie infizierte selb­st elek­tro­n­isch aus­gerichtete Rock­bands wie Can oder Tan­ger­ine Dream –, stand als ein­flüstern­der Meis­ter seines Fachs an der Seite von Steve Klink. Unter diesen Aspek­ten betra­chtet, ist auf seinem Ton­träger mit «Kinds of Waves – A Trib­ute to John Cage» eine über­raschend offene Kom­po­si­tion zu hören, die aus ein­und­sechzig mehr oder weniger kurzen (zwis­chen vier und 33 Sekun­den dauern­den) Tracks beste­ht. Steve Klink beze­ich­net die jew­eilige vom Zufall gewählte Ver­sion von «Kind of Waves» als «Inseln» inner­halb des Gesamt­pro­jek­ts «The Ocean». Hier ist Steve Klink nicht selb­st beteiligt, son­dern über­lässt das Feld dem Trio Slo Horns, das auch bei weit­eren Titeln des Albums zum Ein­satz kommt.
Wie die einzel­nen CD-Tracks wiedergegeben wer­den, kann der Hör­er mith­il­fe der Ran­dom-Funk­tion seines CD-Play­ers entschei­den. Steve Klink benutzt diese Zufallss­chal­tung eines CD-Spiel­ers oder eines Com­put­ers gewis­ser­maßen als einen Kom­po­si­tion­s­ge­hil­fen, der es möglich macht, ein und das­selbe Stück in nahezu unendlichen Vari­a­tio­nen, vom Wellen­tal auf die Wellen­spitze hören zu kön­nen. «The Ocean» zeigt sich insofern als durchgängig offen gestal­tetes Konzep­tal­bum, das sich neben seinem zen­tralen The­ma «Folk-Bop» mit Jaz­z­s­tan­dards von Cole Porter und mit dem titel­geben­den, im Tem­po zurückgenomme­nen Song von Led Zep­pelin auch For­men der pop­ulären Musik wid­met.

Klaus Hüb­n­er