Giacinto Scelsi

The Viola Works, Volume 9: Manto /?Coelocanth / Elegia per Ty / Three Studies / Xnoybis

Verlag/Label: mode 231
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/06 , Seite 84

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

«Musik bedarf tat­säch­lich kein­er Erk­lärung: wed­er durch Bilder noch durch irgendwelche Zahlen. Ich bin der Mei­n­ung, dass pure tech­nis­che Erk­lärun­gen oder Beschrei­bun­gen für ein Pub­likum sehr lang­weilig sind», erläuterte Mitte der 1980er Jahre der Con­te Giac­in­to Francesco Maria Scel­si d’Ayala Val­va dem dama­li­gen Redak­teur des WDR Wil­fried Bren­necke sein Werk und unter­mauerte damit ein­mal mehr den vornehm­lich intu­itiv­en Charak­ter sein­er Arbeit. Aber wer wollte auch ein­er Musik mit ana­lytisch-kon­struk­tiv­en Ver­sprach­lichun­gen zu nahe treten, die sich in erster Lin­ie spon­tan­er Impro­vi­sa­tion ver­dankt, beseelt von ein­er fast dandy­haften Assim­i­lierung asi­atis­ch­er Kulturen?
Auch Scel­sis Werke für Vio­la solo ver­danken sich dieser Liebe zu spir­ituellen Musik­er­fahrun­gen außereu­ropäis­ch­er Couleur und nicht zulet­zt der Bekan­ntschaft mit Inter­pre­ten, für die Scel­si seine Einge­bun­gen von seinen Tran­skrip­teuren maßschnei­dern ließ. Dass dies einiger­maßen sin­nvoll möglich war, lag nicht zulet­zt an Scel­sis Lieblingsmedi­um im Kon­takt mit den Göt­tern, der Ondi­o­la, ein­er Art ein­stim­migem Key­board, mit dem stufen­lose Übergänge und mikro­tonale Abstu­fun­gen, kün­stliche Tremoli und Vibrati möglich waren.
Die klan­glichen Extrav­a­ganzen zur Dif­feren­zierung des Einzel­tons darf der franzö­sis­che Bratschist und Kom­pon­ist Vin­cent Roy­er in der neun­ten Folge der Scel­si-Edi­tion bei mode im großen Stil auskosten und dies ins­beson­dere in Man­to (1957). Der archais­che Duk­tus des Stücks wird im drit­ten Satz durch orakel­hafte Lautäußerun­gen in ein­er Art eth­nis­chen Fan­tasiesprache endgültig zum Rit­us. Es ist nur kon­se­quent, dass Roy­er Scel­sis Anweisung «für einen Aus­führen­den» ernst nimmt und Gesang und Spiel nicht (wie häu­fig) auf zwei Inter­pre­ten verteilt, um die Inten­sität des Zusam­men­tr­e­f­fens bei­der Klangsphären nicht kün­stlich zu glät­ten. Es ist schon eine Gabe, dass das Ganze nicht ins abgeschmackt Eso­ter­ische abdriftet, aber Roy­er schafft dies selb­st im Falsett (oder ger­ade damit …), erfordert der Vokalpart doch eigentlich eine Frauenstimme.
Sehr überzeu­gend auch die Ele­gia per Ty (1958) im Dia­log mit Séver­ine Bal­lon (Cel­lo): span­nende Inter­ak­tio­nen rauer Stre­icher­phys­iog­nomien, wo impul­sive Aus­brüche den san­ft dahin­treiben­den Klangstrom aufwühlen. Ein­er noch etwas ‹kon­ven­tionelleren› Schaf­fen­sphase Scel­sis sind Coe­lo­canth (1955) und die Three Stud­ies (1956) zuzurech­nen. Sie präsen­tieren eine noch deut­lich melodiös gear­beit­ete Dia­tonik mit schar­fen rhyth­mis­chen Kon­turen und reich­er Orna­men­tik, deren Vir­tu­osität Roy­er ger­adezu ver­spielt auskostet, auch wenn die undo­mes­tizierte Wild­heit (und Schnel­ligkeit) der Orig­i­nale auch mit bestem Willen nur schw­er darstell­bar ist. Bei den Stu­di­en han­delt es sich im Übri­gen eben­so um eine Erstein­spielung wie bei Xnoy­bis (1964), im Orig­i­nal für Vio­line solo. Roy­ers Tran­skrip­tion bringt in diese irisierende Musik zwis­chen Still­stand und Bewe­gung, die gemäch­lich einen Zen­tral­ton umkreist, ein anre­gen­des Quan­tum Düster­n­is hinein, oder wie Györ­gy Ligeti gesagt hätte: «einen Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure».

Dirk Wieschollek