Cage, John

The Works for Percussion 1

Imaginary Landscapes No. 1-5 / Credo in US, 2 versions

Verlag/Label: mode records, mode 229
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 5

Auch wenn diese Veröf­fentlichung daran erin­nert, dass John Cages kün­st­lerische Entwick­lung vor allem durch die Auseinan­der­set­zung mit perkus­siv­en Klän­gen (meist im Rah­men von «Ballett»-Musiken für freie Ensem­bles) forciert wurde, sind reine Schlagzeugstücke hier die Aus­nahme. Schon Ende der 1930er Jahre set­zte sich bei ihm die Überzeu­gung fest, dass prinzip­iell alles zur Klangerzeu­gung benutzt wer­den kann. Insofern ruft diese Pro­duk­tion der Per­cus­sion Group Cincin­nati (43. Folge der Gesamtein­spielung bei mode) nicht nur die Ein­führung von Radio und Plat­ten­spiel­er in die abendländis­che Kun­st­musik ins Gedächt­nis, son­dern auch die Geburt der elek­troakustis­chen Musik in Ameri­ka.
«Cre­do in US» kam da 1942 einem Glaubens­beken­nt­nis gle­ich, ver­wen­dete das Stück im Rah­men ein­er satirischen Col­lage über die amerikanis­che Mit­telschicht (im Übri­gen der Beginn der Zusam­me­nar­beit mit Mer­ce Cun­ning­ham) neben Cage-typ­is­chem Game­lan-Geschep­per und Pre­pared-Piano-Sound auch «Klas­sik-Schnipsel» von Plat­te – eine durchgek­nallte Stil-Mix­tur, die Musik von Beethoven, Dvorák, Sibelius und Schostakow­itsch eben­so bein­hal­tete wie Cow­boy-Lieder, indi­an­is­che Rhyth­men und Jazz-Klis­chees.
Dass viele Stücke hier in zwei Ver­sio­nen auf­tauchen, ist nur kon­se­quent und unter­stre­icht die Tat­sache, dass Cage schon früh die Ver­ant­wor­tung fürs Detail in die Hände der Aus­führen­den legte. Die zweite Ver­sion von «Cre­do» greift hier noch tiefer in die Plat­tenkiste, was stilis­tis­che Brüche zu Folge hat, die auf direk­tem Wege zu Frank Zap­pa und den «Moth­ers of Inven­tion» zu führen scheinen. Auch die «Imag­i­nary Land­scape No. 5» (1952) – Cages erste Ton­band-Kom­po­si­tion — ist hier in zwei von prinzip­iell unendlichen Darstel­lungsmöglichkeit­en anwe­send: das Stück für 42 frei wählbare Schallplat­ten erscheint zunächst als klin­gen­der Ein­topf alter Jazz-Scheiben (in Analo­gie zu Cages erster eigen­er Real­isierung), später als Remix über seinen «Urhe­ber», wo «Arrangeur» Michael Barn­hart auss­chließlich Mate­r­i­al von Cage selb­st ver­wurstet.
Cages Liebe zum Radio man­i­festiert sich in Reinkul­tur in der «Imag­i­nary Land­scape No. 4» (1942), süff­isant unter­titelt als «March No. 2». 24 Spiel­er haben hier zwölf Radi­ogeräte zu bedi­enen: eine von Men­schen­hand ges­teuerte Zufall­sop­er­a­tion, die zu ihrer Entste­hungszeit sich­er ein paar abgründi­ge Farb­tupfer mehr bein­hal­tet haben dürfte. In Cages «Imag­i­nary Land­scape No. 3» (1942) scheint der Zweite Weltkrieg jeden­falls auch instru­men­tal Spuren in Gestalt explo­siv­er Expres­siv­ität und dichter Lärm-Tex­turen hin­ter­lassen zu haben.
Als ein­er der ersten elek­troakustis­chen Konzep­tio­nen in Übersee gebührt «Imag­i­nary Land­scape No. 1» (1939) beson­dere Aufmerk­samkeit, das nach dem Willen seines Erfind­ers am besten als Radioüber­tra­gung in Erschei­n­ung treten soll. Es spricht für die aufmerk­same Herange­hensweise der Musik­er aus Cincin­nati, dass sie für diese exper­i­mentelle Melange aus Elek­tron­ik und Instru­mentalk­lang die orig­i­nal Test­plat­ten mit den Fre­quen­zen von damals auftrieben, um die his­torische Klan­gob­er­fläche möglichst authen­tisch wiederzugeben — Old School Ambi­ent mit pfeifend­en Glis­san­di und dröh­nen­den Pulsen.

Dirk Wieschollek