Cage, John

The Works for Saxophone 3 & 4: Party Pieces / Four6 / Cartridge Music / One7 / Fontana Mix / 4’33’’ / Sculptures Musicales

Verlag/Label: mode records, mode 222/23
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/03 , Seite 90

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

Mit ein­er Dop­pelaus­gabe bringt Ulrich Krieger seinen «CAGE of sax­o­phones» zu einem run­dum gelun­genem Abschluss. Dass dies im let­zten Kapi­tel beson­ders gut funk­tion­iert, hat nicht allein mit den flex­i­blen Vor­gaben von John Cage zu tun, son­dern viel damit, wie der umtriebige Sax­o­fon­ist, Klangkün­stler, Kom­pon­ist und Impro­visator mit seinem Instru­ment um­geht, was her­zlich wenig mit dem zu tun hat, wie wir das Sax­o­fon nor­maler­weise wahrnehmen.
Schon Four6 (1992), hier mit ver­stärk­tem Quar­tett einge­spielt, offen­bart die Frucht­barkeit von Kriegers Konzept ein­er «acus­tic elec­tron­ic», die auf beein­druck­ende Weise pseu­do-elek­tro­n­is­che Klangein­drücke mit kon­ven­tionellen Instru­menten erzeugt. So entste­ht (eben­so wie in One7, wo Krieger sechs ver­schiedene Sax­o­fone selb­st spielt) eine wun­der­bar kon­tem­pla­tive Ver­sion mit schweben­den Klangflächen und feinen Geräuschnu­an­cen, die atmo­sphärisch dichte, ja schlichtweg schöne Man­i­fes­ta­tio­nen des Augen­blicks generiert.
Ein ganzes Kam­mer­musikensem­ble lässt Krieger in sein­er Auf­fas­sung der Car­tridge Music (1960) zum Ein­satz kom­men, deren Klangerzeuger nor­maler­weise Tonab­nehmer von Schallplat­ten­spiel­ern darstellen. Das provoziert jedoch auch hier kein plap­pern­des Musikan­ten­tum, son­dern eine in sich ruhende «Musique con­crète instru­men­tale», die als gelassene Geräusch-Col­lage daherkommt. Asketis­che Reduk­tion auch beim ursprünglich elek­tro­n­is­chen Fontana Mix (1958), das Krieger als «Tool» für ein tiefes Holzbläser­sex­tett benutzt — ein Net­zw­erk san­ft irisieren­der Liegek­länge. Aber auch in sein­er ursprünglichen Idee als Band-Musik taucht Fontana Mix auf: Krieger nahm ein­fach das Mate­r­i­al aller bish­er pro­duzierten CDs sein­er Cage-Rei­he und mis­chte daraus einen wuseli­gen Remix. Der fällt hier eben­so aus dem Rah­men sta­tis­ch­er Klang-Kon­tem­pla­tion wie die Par­ty Pieces (1949/59), die Cage aus ein­er kollek­tiv­en Noten-Schnipse­lei mit Hen­ry Cow­ell, Lou Har­ri­son und Vir­gil Thom­son gewann — zwanzig aus­ge­sprochen melodis­che, leicht ver­dauliche «Par­ty-Häp­pchen» mit jazz­igem Beigeschmack.
Der Kon­trast kön­nte nicht größer sein zu den rauen Ober­flächen der Sculp­tures Musi­cale (1989), hier als erstaunlich homo­gene Inter­ak­tion aus zahlre­ichen Instru­menten, Real­geräusch und elek­tro­n­is­chen Klangquellen einge­spielt. Inter­es­sant ist auch Kriegers Sicht auf Cages leg­endäres 4’33’’ (1952), das hier in zwei von prinzip­iell unendlichen Erschei­n­ungs­for­men auf­taucht: eine «open win­dows ver­sion», die erwartungs­gemäß den Fokus auf All­t­ags­geräusche wie Stim­men, Verkehr, Arbeit­slärm etc. lenkt, und eine «stu­dio ver­sion», die abge­se­hen von min­i­malen Bewe­gungs­geräuschen der regungslosen Akteure toten­still ist. So wird Ver­sion 2 zwangsläu­fig zu der­jeni­gen des Rezip­i­en­ten, mit den Klän­gen der Lebenswelt im Augen­blick des Hörens: in diesem Fall kam Elstern eine tra­gende Rolle zu 
Dirk Wieschollek