Lim, Liza

Tongue of the Invisible

Verlag/Label: Wergo WER 6859 2
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/05 , Seite 85

Musikalis­che Wer­tung: 4
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

In der Edi­tion musik­Fab­rik von Wer­go ist im Juni ein Live-Mitschnitt eines WDR-Konz­erts aus dem Jahr 2011 erschienen. Zum zwanzigjähri­gen Jubiläum des Ensem­bles wurde Liza Lims Tongue of the Invis­i­ble für einen impro­visieren­den Pianis­ten, Bari­ton und 16 Musik­er erstaufge­führt. Die 1966 geborene aus­tralis­che Kom­pon­istin mit chi­ne­sis­chen Wurzeln hat bere­its in früheren Werken in ver­schiedene Kul­turen hinein­geleuchtet, um gemein­same musikalis­che Aspek­te zu find­en und daraus eine eigene Ästhetik zu for­men. Ihre Werk­folge zeigt eine Forscherin, die fernab der Ober­fläche des Offen­sichtlichen arbeit­et und sich den Zwis­chen­tö­nen, dem Unbekan­nten und manch­mal Unaussprech­lichen nähert.
Auch in Tongue of the Invis­i­ble spie­len musikalis­che Idiome und Beson­der­heit­en der Sufi, der aus­tralis­chen Abo­rig­ines und der west­lichen Kul­tur ineinan­der. Die behut­same Annäherung an die Dich­tung des per­sis­chen Dichters Hafis gerät dabei aber an kein­er Stelle zu ein­er ober­fläch­lichen Welt­musik­mix­tur – Lim schafft es in dem knapp ein­stündi­gen Werk eine Dis­tanz zu wahren, die sich dem Dichter (der Werk­ti­tel, die «mys­tis­che Zunge des Unsicht­baren», ist eine Tit­ulierung Hafis’ im Nahen Osten) fre­undlich an die Seite stellt, ohne seine Verse zu beschädigen.
Die von Jonathan Holmes geschaf­fene nicht-lin­eare englis­che Über­set­zung der Hafis’schen Verse ermöglichte es Lim, eine Art selb­st­gewählten Pfad durch die Lyrik zu gehen. Beim Hören wäh­nt man sich von Zeit zu Zeit an Sta­tio­nen, wenn gewisse Gestal­ten plöt­zlich auch musikalisch her­aus­ra­gen, etwa während ein­er «Reise in den Über-Ozean», die Lim genüsslich drama­tisiert. Mit den oft dop­pel­bödi­gen Versen erzeugt sie einen musikalis­chen Raum, der nichts Endgültiges erschaf­fen will, aber doch in den acht sehr deut­lich in Beset­zung und Klangge­wand dif­feren­zierten Sätzen lyrische Qual­itäten und eine «freige­set­zte Kreativ­ität» der Musik­er hervorhebt.
Das begin­nt gle­ich mit einem instru­men­tal­en Pro­log, der eine D‑Dur-Klan­glichkeit wie durch eine Milch­glass­cheibe offeriert; später wird sich das D als erdenes Zen­trum her­ausstellen, von dem aus Lims Musik­er wie durch einen «metapho­rischen Garten» wan­deln. Platz für Ver­har­ren und Bewe­gung ist in diesem Garten genug: In den von der musik­Fab­rik spiel­freudig aus­gekosteten Ensem­blesätzen lässt Lim gerne eine mas­sive, allerd­ings manch­mal auch ermü­dend wuch­ernde Klang­welt sprießen, während solis­tisch aus­gear­beit­ete Sätze für die Oboe (Peter Veale), das impro­visierende Klavier (Uri Caine) und den Bari­ton-Solis­ten (Omar Ebrahim) den Fokus eher auf eine klar umris­sene musikalis­che Gestalt richt­en. Immer jedoch bleibt der Text wie Gaze über dem ganzen Werk beste­hen; er wird nicht zer­ris­sen, son­dern erhält – nicht zulet­zt durch den viel­far­bigen Gesang von Ebrahim – eine eigene, fast instru­men­tale Qual­ität, in der die Hal­tung wichtiger wird als die Bedeu­tungsab­sicht. «Unsere Umar­mungen sind ein Ban­kett kreisender Zeit» – den Schlusssatz ernst nehmend, kann man diese CD wieder und wieder von wech­sel­nden Start­punk­ten aus hören und wird jedes Mal neue Per­spek­tiv­en entdecken.

Alexan­der Keuk