Bandt, Ros / Sistermanns, Johannes S.

tracings

Verlag/Label: WERGO artist.cd ARTS 81202
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/04 , Seite 81

Musikalis­che Wer­tung: 1
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Book­let: 3

In der Math­e­matik ist 1+1 eine ein­fache Gle­ichung. In der Kun­st hinge­gen ist die Begeg­nung zweier Kün­stler weitaus schw­er­er zu fassen, zumal dann, wenn sich zwei freizügige Exper­i­men­ta­toren mit Mate­ri­alien und Gedanken begeg­nen, die kaum auf einen Nen­ner zu brin­gen sind. Drei Koop­er­a­tio­nen präsen­tieren die aus­tralis­che Klangkün­st­lerin Ros Bandt und der deutsche Klangkün­stler Johannes S. Sis­ter­manns auf ihrer CD trac­ings. In BYOS ver­men­gen bei­de im Stu­dio spon­tan bear­beit­ete Mate­ri­alien. Klänge von deutschen und aus­tralis­chen Industriean­lagen oder von kleinen Glock­en treten in den Vorder­grund. Schicht­en undefinier­bar­er abstrak­ter Geräusche bilden den Hin­ter­grund für dezente klan­gliche Ereignisse. Men­schliche und mech­a­nis­che Laute hal­ten sich die Waage, dur­chaus mit gutem Tim­ing arrang­iert.
Stark per­for­ma­tiv­en Charak­ter hat die Co-Kom­po­si­tion Son­ic Blue Red Trac­ings – Kami (1997–2011). Auf einem lan­gen, ges­pan­nten Papier­bo­gen malen Bandt und Sis­ter­manns abstrak­te – ent­fer­nt an Jack­son Pol­locks Action Paint­ings erin­nernde – Fig­u­ra­tio­nen. Nicht mit dem Pin­sel tun sie dies, son­dern mit ihren in Farbe getaucht­en Haaren. Wie diese Zweck­ent­frem­dung ihren Weg auf eine CD find­en kann, erk­lärt sich durch die akustis­che Abnahme der Papierg­eräusche. Auch wenn sich einige Windgeräusche und an ein Akko­rdeon erin­nernde Klänge hinzuge­sellen, macht das die «Kom­po­si­tion» kaum attrak­tiv­er. Ein Hap­pen­ing, das «vor Ort» vielle­icht mehr Reize ent­fal­ten kann.
Wo sich bei­de Kün­stler tre­f­fen, erhellt A Glob­al Gar­den for Per­cy, das auf der Idee ein­er freien Musik des aus­tralis­chen Kom­pon­is­ten und Pianis­ten Per­cy Grainger (1882–1961) beruht. Von 1938 stammt ein Text Graingers, der geflüstert her­vor­tritt zwis­chen aller­hand Wasserg­eräuschen und kleineren instru­men­tal­en Beiga­ben. Bemüht med­i­ta­tiv wirkt das Ganze, das ursprünglich im Jahr 1997 als «inter­con­ti­nen­tal live satel­lite radio­phon­ic work» konzip­iert war.
Die CD trac­ings lässt einen etwas rat­los zurück. Nicht nur wegen der unnöti­gen, mehr als vierzig­minüti­gen Länge von A Glob­al Gar­den for Per­cy, son­dern auch deshalb, weil sich die ela­bori­ert-sophis­tis­chen Konzepte akustisch wed­er erschließen noch so etwas wie Hör­freude oder wie auch immer geart­ete Span­nung evozieren. Es bleibt der Ein­druck ein­er Koop­er­a­tion, die sich ver­läuft. Ob das der so gren­zen­losen Offen­heit und Exper­i­men­tier­lust der Kün­stler geschuldet ist oder ein­fach nur der Kon­ti­nen­taldrift – das mögen andere beurteilen.

Torsten Möller