Cerha, Friedrich

Und du … / Verzeichnis / Für K

Verlag/Label: Kairos 0013182KAI
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2012/02 , Seite 88

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Hiroshi­ma: Die Kom­po­si­tion «Und du …» lässt dem Zuhör­er vom ersten Augen­blick an keine andere Wahl, als sich mit dem The­ma zu kon­fron­tieren. Durch die Kubakrise wurde 1962 deut­lich, wie nah die Welt dem atom­aren Overkill war. Der Öster­re­ichis­che Rund­funk beauf­tragte Friedrich Cer­ha mit ein­er Kom­po­si­tion, die, von vorn­here­in über Rund­funk ver­bre­it­et, ein möglichst großes Pub­likum erre­ichen sollte. Ob dies gelang, ist nicht klar, doch nun liegt das Werk für fünf Sprech­er, Chor, ORF Radio-Sym­phonieorch­ester, das Ensem­ble «die Rei­he» und Elek­tron­ik in der Orig­i­nalauf­nahme auf CD vor, dirigiert von Cer­ha selb­st.
«Ob wir das Ende aller Zeit­en bere­its erre­icht haben, das ste­ht nicht fest …»: Der Kom­pon­ist mag Recht haben, wenn er schreibt, der am Ende von Gün­ther Anders selb­st gesproch­ene Text sei «das Präzis­es­te, was bis zum heuti­gen Tag zur atom­aren Sit­u­a­tion gesagt wor­den ist und gesagt wer­den kann». Doch die Men­schheit ist geübt im Ver­drän­gen, und nach fast fün­fzig Jahren weckt die Mah­nung kaum mehr als ein fatal­is­tis­ches Achselzuck­en. Insofern ist «Und du …» his­torisch und wäre auch schw­er zu ertra­gen, stünde dem schw­ergewichti­gen Text nicht eine äußerst feinsin­nige, dif­feren­zierte Musik gegenüber. Aus ein­er mas­siv her­an­bran­den­den Geräuschwolke brechen fein zise­lierte Stre­icherkaskaden her­vor, wiederum abgelöst von dis­so­nan­ten Blech­bläsern. Cer­ha ver­sucht gar nicht, das The­ma zu illus­tri­eren, vielmehr sucht er – wie zur sel­ben Zeit etwa Peter Weiss im Dra­ma – nach einem Umgang mit dem Inkom­men­su­rablen. Auf der Tex­tebene geschieht dies in Form ein­er Zitat­mon­tage und indem wortwörtlich durch Abzählen vorge­führt wird, dass eine Zahl von 80 Mil­lio­nen Toten die Vorstel­lungskraft über­steigt. Musikalisch zeigt sich die ganze Meis­ter­schaft Cer­has, der über 39 Minuten hin­weg alles zum Ein­satz bringt, was avancierte Musik mit Orch­ester-, Ensem­ble-, Chor- und elek­tro­n­is­chen Klang­far­ben zu bieten hat.
«Verze­ich­nis» von 1969, obwohl nur für 16 Stim­men geschrieben, ist kaum weniger kom­plex und viel­seit­ig – und kaum weniger grausam. Der Text entstammt ein­er Quelle von 1629 – wie der Titel besagt, einem «Verze­ich­nis der Hex­en-Leut, so zu Würzburg mit dem Schw­erte gerichtet und her­nach ver­bran­nt wor­den». Pas­sagen­weise hört es sich an, als ob viele Stim­men wahl­los erregt durcheinan­derre­den, par­al­lel ertö­nen Gesang, dann wieder dumpfe Schläge.
«Für K» schließlich ist 1993 zum 70. Geburt­stag des Bild­hauers Karl Prantl geschrieben, von dem auch das Cov­er-Motiv der CD stammt. Der mas­sive Klang von sieben Blech­bläsern und drei Schlagzeu­gen scheint die Arbeit von Ham­mer und Meißel in hartem Mar­mor zu evozieren, Bratsche und Cel­lo ste­hen für die Split­ter, den Abfall, den Staub, der dabei entste­ht. Davon abge­se­hen erzeugt Cer­ha in diesem Fall Het­ero­gen­ität durch Über­lagerung ver­schieden­er Rhyth­men und Tem­pi. Auf­führung­stech­nisch sich­er nicht ein­fach zu hand­haben, doch die Musik­er des ORF Radio-Sym­phonieorch­esters, wiederum unter der Leitung von Cer­ha, meis­tern das Stück bravourös.

Diet­rich Heißen­büt­tel