Ut supra

Verlag/Label: Ensemble Modern Medien EMCD-009
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2010/04 , Seite 90

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 5
Gesamtwer­tung: 5

In lock­er­er Folge bieten die Porträt-CDs des hau­seige­nen Labels den Mit­gliedern des Ensem­ble Mod­ern eine (neben­bei erwäh­nenswert ansprechend gestal­tete!) Plat­tform, um ihre solis­tis­chen Aktiv­itäten auszuleben. Hier darf Trompeter Valentin Garvie seine Elo­quenz und Viel­seit­igkeit in einem hand­ver­lese­nen Pro­gramm demon­stri­eren, das mit «Klas­sik­ern» des Trompe­ten­reper­toires und inter­es­san­ten Urauf­führun­gen gle­icher­maßen aufwartet.
Dabei sind es häu­fig Duo­for­mate, ins­beson­dere Inter­ak­tio­nen zweier Trompe­ten (meist mit Sava Stoianov), die hier Aufmerk­samkeit beanspruchen und bewusst mit den Rei­bun­gen und Inter­feren­zen des Ähn­lichen jen­seits der aus­ge­trete­nen Pfade tem­periert­er Stim­mung spie­len. Auf ganz wun­der­bare Weise bew­erk­stel­ligt dies Les illu­sions (2007) von Marce­lo Per­ti­cone, dessen sprung­hafte Tonge­bung eher dem Klar­inet­ten­klang nachemp­fun­den ist und in dessen Schatten­wirkungen delikate har­monis­che Mis­chun­gen auf­blühen. Dur­chaus hörenswert auch die skulp­turalen Klangkaskaden von Bene­dict Masons Two Pic­co­lo Trum­pets (2006) sowie dessen Two Cor­net­ti (2007), ein Spiel mit den ober­ton­re­ichen Far­ben von Zinken, das hier gele­gentlich mehr nach Tibet als nach europäis­chem Mit­te­lal­ter klingt. 
Eine bemerkenswerte Kom­po­si­tion für Trompete solo und kleines Ensem­ble hat Eduar­do Mogu­il­lan­sky geschrieben: Sein Lim­ites (2005) ist als riesen­hafte Aug­men­ta­tion konzip­iert, die einen min­i­malen Klang­baustein immer weit­er aus­d­if­feren­ziert, bis das Ursprungs­ma­te­r­i­al völ­lig aus­ge­franst erscheint. Zusam­men mit Nina Janssen (Klar­inette), Her­rmann Kret­zschmar (Klavier), Patrick Jüdt (Vio­la) und Eva Böck­er (Vio­lon­cel­lo) ist Garvie hier Teil ein­er organ­isch wuch­ern­den Klang­mikroskopie unter Leitung von Mogu­il­lan­sky, wo es vor allem auf die Schwe­bun­gen und Unrein­heit­en zwis­chen fix­ierten Tonge­bun­gen ankommt, wozu Garvie hier nicht sel­ten zwei Instru­mente gle­ichzeit­ig bedi­enen muss.
Weitaus weniger sub­stanziell gibt sich das titel­gebende Ut supra (1996) des uruguayis­chen Kom­pon­is­ten Leo Masli­ah, der Ein­flüsse aus Jazz, Min­i­mal und lateinamerikanis­ch­er Musik zu etwas sim­plen melodis­chen Pat­tern ver­schmilzt, die nett und beschaulich vor sich hin grooven. 
Neben Hen­zes rhyth­misch agiler Sonati­na von 1974, Garvies Lehrer Howard Sell gewid­met, ist es beson­ders Paul Hin­demiths Sonate für Trompete und Klavier (1939), die in dieser vielgestalti­gen Kom­pi­la­tion unter dem Deck­man­tel der Tra­di­tion ungeah­nte Kräfte entwick­elt. Das liegt vor allem daran, dass die kraftvoll zupack­ende Inter­pre­ta­tion von Valentin Garvie und Ueli Wiget (Klavier) dem ver­meintlich harm­losen Neok­las­sizis­mus des sin­fonisch aus­holen­den Dreisätzers reich­lich abgründi­ge Töne abgewinnt.

Dirk Wieschollek