Rühm, Gerhard

Verlautbarungen

Litaneien, Lautgedichte, Sprechduette 1952-2010

Verlag/Label: Tochnit Aleph, TA 102
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/03 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Auch über achtzigjährig wird Ger­hard Rühm nicht müde, Stimme und Sprache in immer neue Ver­hält­nisse zu brin­gen. Eine wun­der­schöne Ret­ro­spek­tive des stimm­lichen Schaf­fens des Wiener Run­dum-Exper­i­men­ta­tors und Grand­seigneurs der Laut­poe­sie gewährt diese Veröf­fentlichung in schön­stem Reclam-Gelb – vieles taugt hier ja dur­chaus zum «Klas­sik­er». Rühms Glaubens­beken­nt­nis (1973) beispiel­sweise, das ein augen­zwinkern­des Beken­nt­nis zur Empirie ist: «ich bin überzeugt, dass es eine zwiebel gibt. / ich glaube, dass man eine zwiebel teilen kann». Am Ende wird klar, dass man im Ton wei­hevoller Verkündi­gung der Entste­hung eines Rühreis beiwohnt.
Dass der Glaube ein sprengstoffhaltiges Kar­dinalthe­ma in Rühms Arbeit darstellt, an dem seine Fan­tasie sich im­mer wieder kri­tisch entzün­det, offen­bart sich in den Litaneien mit abgrundtiefer Gnaden­losigkeit. In Der Wall­fahrt Lohn (2005/2007) erzählt Rühm «Pil­ger­bal­laden» als ver­heerende Unglücks­fälle, wo ganze Bus­ladun­gen junger Men­schen auf dem Weg zu Gott verunglück­en. «gut bist du und gerecht, / zeitlebens dankt dein knecht.» Solche und ähn­liche inter­polierte Verse bleiben einem ger­adewegs im Halse stecken.
Die Auswahl der Lautgedichte zeigen Rühm als vir­tu­osen Sprach­per­former, der vielzüngig, aber nie über­trieben exaltiert am Werk ist. Sie begin­nt mit den Expres­sio­nen aus den frühen 1950er Jahren, die weniger an den Dadais­mus anknüpfen als den Ver­such darstellen sollen, Ele­mente des «Tachis­mus» auf die Poe­sie zu über­tra­gen, und sich dabei vom (atonalen) Apho­ris­mus Weberns bee­in­flusst zeigen. Noch mehr als in den ver­spielt sich selb­st reprodu­zierenden Erzäh­lun­gen und Miniatur-Dra­men blitzt im (schein­bar) abstrak­ten Spiel mit den Grun­dele­menten der Sprache Rühms ganze Tief­gründigkeit auf.
Eine äußerst gelun­gene Hybris nar­ra­tiv­er und ase­man­tis­ch­er Ver­fahren bilden die melo­drama­tis­chen Sprech­duette, denen sich Rühm zusam­men mit sein­er Frau Moni­ka Licht­en­feld in den let­zten zehn Jahren ver­stärkt gewid­met hat. Ihnen liegen zumeist in strenger rhyth­mis­ch­er Dekla­ma­tion vor­ge­tra­gene Zeitungsno­ti­zen zugrunde, die von ein­er zweit­en Stimme, welche das Sprach­ma­te­r­i­al auf rein phonetis­che Weise fil­tert und frag­men­tiert, begleit­et wird. Eine Laut-Kon­tra­punk­tik sozusagen, die das ver­störend sach­lich Erzählte durch Abstrak­tion emo­tion­al ein­färbt bzw. struk­turell kom­men­tiert, wodurch eine faszinierende Ein­heit von Form und Gehalt erzielt wird. Da kann es – je nach zugrunde liegen­der Anek­dote – sehr komisch zuge­hen wie in Schweine, Men­schen, Engel (2001), aber auch scho­nungs­los bru­tal wie in Glaube Liebe Hoff­nung (2002), das den fun­da­men­tal­is­tis­chen Auswüch­sen der großen Wel­tre­li­gio­nen auf der Spur ist: «israelis­che siedler auf palästi­nen­sis­chem gebi­et haben leichen­teile von selb­st­mor­dat­ten­tätern mit schweine­fett verun­reinigt, damit diese nicht ins paradies gelan­gen» – vor­ge­tra­gen im Ton eines Kinder­reims, in den kon­so­nan­tis­che Laut­fet­zen hineinge­wor­fen wer­den wie erstick­te Kundge­bun­gen ein­er nicht mehr möglichen Entrüstung 

Dirk Wieschollek