Schulhoff, Erwin

Violin Sonatas

Verlag/Label: Hyperion 67833
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/03 , Seite 86

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 4

Erwin Schul­hoff war neugierig, mutig, nonkon­formistisch. Seine kün­st­lerische Maxime glich mit ihrer rev­o­lu­tionären Grundierung einem kul­tur­poli­tis­chen Man­i­fest: «Die Kun­st an sich ist der Aus­druck gesteigert­er men­schlich­er Sehn­sucht, das Kunst­werk als solch­es die Explo­sion eines gesteigerten Empfind­ens. Absolute Kun­st ist Revolution.»
Schul­hoff sollte sich mit dieser Gesin­nung vir­tu­os zwis­chen den stilis­tis­chen Stühlen bewe­gen und dabei einen sehr eige­nen Ton find­en. So exper­i­men­tierte er zwar mit Ele­menten des Impres­sion­is­mus, Expres­sion­is­mus und Neok­las­sizis­mus, ver­stand es aber, klug alle Ismen zu umge­hen. In den 1920er Jahren set­zte sich Schul­hoff, der bei Robert Teich­müller Klavier und bei Max Reger Kom­po­si­tion studiert hat­te, vehe­ment für die Vertreter der Zweit­en Wiener Schule ein. Davor lag seine eher grim­mig-verzweifelte Dada-Phase. Denn wie viele sein­er Gen­er­a­tion war Schul­hoff, (Jahrgang 1894), bis ins Mark von den Gräueln des Ersten Weltkriegs erschüt­tert und mis­straute for­t­an der Idee von der schö­nen Kun­st als Spiegel der Gesellschaft. Auch deshalb wagte er es als ein­er der Ersten, den Jazz in die Kun­st­musik zu holen, zwecks spitztöniger Karikatur.
Jet­zt haben die Geigerin Tan­ja Beck­er-Ben­der und der Pianist Markus Beck­er eine CD mit kam­mer­musikalis­chen Werken Schul­hoffs vorgelegt, in denen viele Facetten des Vielgestalti­gen auf­scheinen. Diese Ein­spielung ist aber nicht nur ihrer tech­nis­chen Bril­lanz wegen als ein weit­er­er gewichtiger Beitrag zur Wieder­ent­deck­ung dieses Kom­pon­is­ten zu begreifen, der 1942 in einem nation­al­sozial­is­tis­chen Internierungslager in Würzburg starb.
In der 1911 gefer­tigten Suite für Vio­line und Klavier op. 1 hört man deshalb, wie raf­finiert hier auf der Folie von barock­en Tänzen, aber auch einem Walz­er mit impres­sion­is­tis­chen Klangkon­stel­la­tio­nen im Stile eines Rav­el jongliert wird. In gewiss­er Weise tänz­erisch bewegt ist auch die erste Sonate für Vio­line und Klavier op. 7 aus dem Jahr 1913. Doch die Art und Weise, in der Schul­hoff hier die melodis­chen Lin­ien führt und har­monis­che Wen­depunk­te ans­teuert, lässt erken­nen, dass er zu diesem Zeit­punkt noch mit dem Ohr bei Debussy, doch schon in den Gefilden der Expres­sion­is­ten stöbert.
Dass es Schul­hoff nach den Stür­men sein­er Dada-Phase nach fes­tem Boden unter den Füßen ver­langte, lässt sich zunächst an der Solovi­o­lin­sonate aus dem Jahr 1927 able­sen. Schul­hoff verknüpfte hier folk­loris­tis­che Ele­mente ähn­lich wie Bartók mit ein­er schlicht­en, schi­er ins Abstrak­te drän­gen­den Lin­ien­führung. Die Struk­tur sollte bloß liegen, ohne die schützende Hülle der Klang­farbe. Dieses Prinzip übertrug Schul­hoff im sel­ben Jahr noch auf die zweite Sonate für Vio­line und Klavier. Und auch hier scheint Bartóks Idiom als Allu­sion auf. Im zweit­en Satz impro­visierte Schul­hoff darüber hin­aus über den Blues aus Ra­vels Vio­lin­sonate, gab diesem eigentlich lasziv­en Stück jedoch eine tief­schwarz-melan­cholis­che, ja mor­bid-expres­sion­is­tis­che Aura. Schul­hoff war, wie hier ein­drück­lich vor Ohren geführt wird, ein­er, der wie nur wenige Musik über Musik zu schreiben verstand.
Annette Eckerle