Sotelo, Mauricio

Wall of Light – Music for Sean Scully

Verlag/Label: Kairos 0012832KAI
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2009/06 , Seite 84

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Reper­toirew­ert: 5
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 5

 

Im Gren­zge­bi­et von Fla­men­co und zeit­genös­sis­ch­er Musik erkun­det der spanis­che Kom­pon­ist Mau­­ricio Sote­lo neue Möglichkeit­en. Doch mit folk­loris­tisch gefäl­ligem Flair hat das wenig zu tun. Nein, Sote­lo, geboren 1961 in Madrid, geht zurück zu den undo­mes­tizierten Wurzeln und schließt urwüch­sige Fla­men­co-Idiome mit kom­plex­er Mo­derne kurz. Die Ver­schränkung von Authen­tiz­ität und Avant­garde führt bei ihm zu explo­siv­en Mix­turen in einem starken, berühren­den Espressivo-Tonfall. 
Sote­lo, der lange Zeit in Wien lebte, noch bei Nono studierte und sich 1992 wieder in Madrid nieder­ließ, kreiert eine ganz eigene Welt: irgend­wo zwis­chen Soleá und Sal­va­tore Scia­r­ri­no. Dies zeigt auch das neue Kairos-Album Wall of Light – Music for Sean Scul­ly mit vier Kom­po­si­tio­nen aus den Jahren 2003 bis 2008. Scullys Malerei (speziell die Serie Wall of Light) mag mit dem andalu­sis­chen cante jon­do, auf den sich Sote­lo bezieht, eine dun­kle, trau­rige Grund­stim­mung gemein­sam haben. Doch als durch­schla­gen­des Faszi­nosum wirkt Sote­los Musik auch ohne synäs­thetis­che Verweise. 
Etwa Cha­lan (2003) für Per­cus­sion und Ensem­ble: Das Werk ist konzip­iert als Reise durch südindis­che Klang­land­schaften, vor­bei an rhyth­mis­ch­er Urge­walt, geis­ter­haften Geräuschen und eksta­tis­chen Ensem­ble­phasen. Die Köl­ner musik­Fab­rik agiert in ein­er unge­heuren emo­tionalen Dich­te, und als treiben­des Unruhe-Zen­t­rum fungiert der jazz­erfahrene Tabla-Welt­musik­er Trilok Gurtu. 
Der Solist Mar­cus Weiss wiederum prägt Wall of light back – for Sean Scul­ly (2005/06) für Sax­o­fon und Ensem­ble. Wehk­la­gende, mikro­ton­al angere­icherte Kan­tile­nen und Ara­-bes­ken des Sax­o­fons erin­nern an die Toná, den ural­ten Fla­menco­ge­sang: die «Stimme des Schmerzes», wie sie der Poet Fer­nan­do de Her­rera genan­nt hat. Die musik­Fab­rik zaubert daraus eine sinnliche Melange aus archais­ch­er Aura und frag­men­tiertem Jet­ztzeit-Klang. Zwar sind die Auf­nah­men in Köln, Madrid und Sevil­la unter ver­schiede­nen Diri­gen­ten ent­standen (Ste­fan Asbury, Brad Lub­man und Sote­lo selb­st), doch der fil­igrane, inten­sive und bei Bedarf kraftvoll zupack­ende Stil der musik­Fab­rik schlägt in allen Ensem­blew­erken durch. 
Neben Night (2007) für Per­cus­sion und Ensem­ble, ein­er geträumten Bulería mit irrlichtern­der Marim­ba (Miquel Bernat), wirkt Como Llo­ra el Agua (2008) für Fla­men­co-Gitarre solo wie eine große Espres­si­vo-Klage. Im weit­en Feld zwis­chen tra­di­tioneller Seguiriya und avanciert­er Harmo­nik, zwis­chen poet­is­chen Klangfeldern und knall­har­ter Schlag­rhythmik entwirft der Solist Juan Manuel Ca­ñizares eine fes­sel­nde, Zeit­en über­greifende Flamenco-Utopie.

Otto Paul Burkhardt