Meyer, Andreas (Hg.)

Was bleibt?

100 Jahre Neue Musik (= Stuttgarter Musikwissenschaft­liche Schriften, Band 1)

Verlag/Label: Schott Music, Mainz 2011
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/05 , Seite 84

Ob es wohl liegen­bleibt, das zwölfte der bun­ten Klötzchen, mit denen David Tudor auf der Cov­er­ab­bil­dung eine «Par­ti­tur» von George Brecht real­isiert? Inci­den­tal Music – der Titel lässt offen, worin das angekündigte «Ereig­nis» zu suchen sei: im Gelin­gen oder im Scheit­ern? Vul­go: wenn’s klappt oder wenn’s schiefgeht?
Es ist ein glück­lich­er Ein­fall, den Leser zunächst mit diesem Darm­städter «Augen­blick» von 1961 zu kon­fron­tieren: eine Sphinx, und weit und bre­it kein Ödi­pus. Die Zeit der «richti­gen» Antworten scheint ohne­hin vor­bei zu sein. Wichtiger ist es, erst ein­mal die richti­gen Fra­gen zu stellen – und sie gegebe­nen­falls auszuhal­ten. Darin kann man so etwas wie das geheime Pro­gramm des vor­liegen­den Ban­des sehen. Als «Autorenkonzept» disponiert, sind die neun Beiträge nicht auf einen ein­heitlichen Neue Musik-Begriff eingeschworen, wohl aber hat sich in allen Tex­ten das Bemühen niedergeschla­gen, «anhand frei gewählter Beispiele aus der aktuellen Arbeit Grund­sät­zlich­es zu the­ma­tisieren». Aus solch­er Melange von unter­schiedlichen Sichtweisen ein­er­seits und Übereinkun­ft in ihrer Präsen­ta­tion ander­er­seits ist ein Kom­pendi­um ent­standen, das dem Leser wesentliche, durch sub­ku­tane Querverbindun­gen vielfach ver­strebte Aspek­te heuti­gen Musik­denkens erschließt. Die Beiträge von Andreas Mey­er, Christo­pher Hal­ley, Joachim Kre­mer und Gian­mario Borio lassen sich ins­ge­samt unter der von Mey­er reklamierten Devise «Neue Musik als musikalis­che Anthro­polo­gie» lesen.
Worum geht es? Um den Schul­ter­schluss der Avant­garde mit dem Pop­ulären, um die verän­derte Zeit­er­fahrung des gedehn­ten Augen­blicks in der Musik um 1910, um das Neue der neuen Musik von Pla­to bis Schön­berg und um den Ein­bruch des Anderen in die west­liche Musik des 20. Jahrhun­derts. Für die Beiträge von Soin­tu Scharen­berg («Wie gelangt die neue Musik in die deutsche Musikpäd­a­gogik?») und Simone Heili­gen­dorff kann die Chiffre «Ins Offene» ste­hen. Musikpäd­a­gogik hat sich (so von Scharen­berg ins­beson­dere für die 1920er Jahre ein­drucksvoll belegt) weit mehr als vielfach kol­portiert den Her­aus­forderun­gen und Chan­cen des Neuen gestellt. Für Heili­gen­dorff sind «Neue Gewebe in der Musik der let­zten Jahrzehnte» eine päd­a­gogisch höchst rel­e­vante Ein­ladung zu ein­er Grat­wan­derung am Rande des Hörbaren.
Matthias Tis­ch­er spürt den Schnittmen­gen des musikalis­chen Diskurs­es mit dem Poli­tis­chen in der Aura des Kalten Krieges nach, Died­rich Diederich­sen kommt zu ein­er Neube­w­er­tung der Pop-Avant­garde der 1960er und 1970er Jahre. Her­mann Danuser ver­misst abschließend das span­nungsre­iche, lange Zeit ide­ol­o­gisch ver­minte Feld zwis­chen Mod­erne und Post­mod­erne, und er pro­gnostiziert mit kri­tis­chem Blick auf die wach­sende Rel­e­vanz der Tech­nolo­gie eine unaufhalt­same Meta­mor­phose der mod­er­nen Musik zur post­mod­er­nen. Damit aber ist die Titel­frage «Was bleibt?» unverse­hens zum «Quo vadis, neue Musik?» mutiert. Und was bleibt? Die Gewis­sheit, dass neue Musik ein unver­füg­bar­er Prozess ist, unberechen­bar und rät­sel­haft wie alles Lebendi­ge auch. Auf solch­er Gewis­sheit grün­det die mit diesen Tex­ten ver­mit­telte Hoff­nung, dass die Reise der neuen Musik auch kün­ftig nicht ins Blaue führt, son­dern ins Offene.
Peter Becker