Zimmerlin, Alfred

Weites Land für Violoncello und Zuspiel-CD / Weisse Bewegung für Violoncello, Klavier und Schlagzeug

Verlag/Label: Musiques Suisses MGB CTS-M 127
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2011/02 , Seite 89

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 4
Reper­toirew­ert: 4
Book­let: 4
Gesamtwer­tung: 4

In ein­er gehet­zten, vom Tem­po der mod­er­nen Kommunikationstechno­logien dik­tierten Welt begin­nt der Men­sch selb­st zum Anhängsel der Appa­rate und ihrer Funk­tion­sweisen zu wer­den. Das Mul­ti-Task­ing färbt ab: Konzen­tra­tion auf Einzelnes ist ihm kaum mehr möglich, wo ihn die Vielfalt der Auf­gaben zur Par­al­lelver­ar­beitung zwingt. Gegen dieses Getriebe mit sein­er Ten­denz zu Ober­fläch­lichkeit und Zer­streu­ung Ein­spruch zu erheben, ist eine Auf­gabe der Kun­st von heute. Sie ver­mag ein Gegen­bild zu entwer­fen: indem sie sich von der Außen­welt abkop­pelt und die ver­laufende Zeit ohne Indi­en­st­stel­lung wieder rein ver­fließen lässt.
Erst ein­mal muss jedoch tab­u­la rasa gemacht wer­den, bevor Neues aufge­baut wer­den kann. In diesen
Zus­tand der Leere, freilich ein­er von Erwartung gefüll­ten Leere, schreibt die Musik des Schweiz­er Kom­pon­is­ten Alfred Zim­mer­lin ihre Zeichen ein. Wenn Zim­mer­lin seine Stücke Weites Land oder Weisse Bewe­gung nen­nt, so sind bere­its die Titel beze­ich­nend. In Meta­phern von Raum und Zeit deuten sie die Offen­heit dessen an, was nun stat­tfind­en kann.
Was in bei­den Werken ertönt, ist nicht vor­ab mit Bedeu­tung befrachtet, lässt zwar vielfältig Seman­tis­ches anklin­gen, doch in freiem Ver­hält­nis zu den Bedeu­tungs­ge­hal­ten. Wo sich Ent­wicklungen schema­tisch zu ver­fes­ti­gen dro­hen, fol­gt sofort die gezielte Sys­tem­brechung. Nicht ein­mal ansatzweise wird die große Erzäh­lung ver­sucht. Zim­mer­lins Musik will nicht nar­ra­tiv vorge­hen und mei­det auch die Reprise, was nicht auss­chließt, dass über weite Zeiträume hin­weg dann doch der Ein­druck von Ähn­lichkeit­en, Kor­re­spon­den­zen, Asso­nanzen entste­ht.
Pizzi­cati und Glis­san­di intoniert Mar­ti­na Schu­cans Vio­lon­cel­lo in Zim­mer­lins Weites Land, Dop­pel­griffe und kleine Motive, die sich gele­gentlich zu bre­it­erem Gesang und schwel­gen­dem Melos in hoher Lage ent­fal­ten. Im Hin­ter­grund ertö­nen der­weil vom Zus­piel­band dumpfe Schläge und Verkehrs­geräusche, Orge­lar­tiges oder dif­fus­es Rauschen. Aus den bewusst ver­wasch­enen Klän­gen, die wie aus einem schlecht eingestell­ten alten Röh­renradio here­in­schallen, strebt nur ein­mal ein alter Bünd­ner Toten­tanz in den Vorder­grund. Hier tritt nun doch eine – dem ohne Vor­a­bin­for­ma­tion nur lauschen­den Hör­er freilich ver­bor­gen bleibende – Inten­tion des Kom­pon­is­ten her­vor, der Weites Land als Hom­mage an seinen 2001 ver­stor­be­nen Vater konzip­ierte.
Deut­lich bipo­lar angelegt ist die Weisse Bewe­gung für Vio­lon­cel­lo, Kla­vier und Schlagzeug, welche in ihren fünf Sätzen Vor­wärts­drang und Still­stand gegeneinan­der ausspielt, und dies nicht nur in der großen Form, son­dern auch im Detail. So ist etwa der Anfangssatz «Weisse Bewe­gung I» selb­st schon ein viel­gliedriges Geschehen. Es ist, als ob der Hör­er in eine Vielzahl unter­schiedlich­er Kam­mer­stücke für Cel­lo und Klavier pas­sagen­weise hinein­lauschen darf, bevor dann jew­eils aus­ge­blendet wird und das Schlagzeug die Leer­räume mit leisen Ein­wür­fen oder lär­menden Streck­en füllt.

Ger­hard Dietel