Riehm, Rolf

Wer sind diese Kinder | Hamamuth – Stadt der Engel

Verlag/Label: Wergo WER 6755 2
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 2013/06 , Seite 80

Musikalis­che Wer­tung: 5
Tech­nis­che Wer­tung: 5
Book­let: 5

Rolf Riehm macht es wed­er seinen Hör­ern noch seinen Inter­pre­ten beson­ders ein­fach. Schon der Beginn des Klavier­stücks Hama­muth – Stadt der Engel, während des Irak-Kriegs 2005 im Angesicht medi­al all­ge­gen­wär­tiger Gewalt kom­poniert, kün­det davon, dass der Kom­pon­ist auf bewusste Über­forderung set­zt: Von Sprün­gen durch­set­zte Rep­e­ti­tions­ket­ten erklin­gen da, hin­ter ihrer Uner­bit­tlichkeit zugle­ich den Ein­druck mühevollen Durch­hal­tens und Abar­beit­ens an einem voller Schwierigkeit­en steck­enden Noten­text hör­bar machend, so dass die Möglichkeit des Scheit­erns angesichts extremer pianis­tis­ch­er Anforderun­gen in greif­bare Nähe rückt.
Durch span­nungsvoll aufge­ladene Zäsuren voneinan­der abge­set­zt, meißelt Nico­las Hodges die Klänge aus dem Klavier, fol­gt den unter­schiedlichen Verzwei­gun­gen der Musik, hält plöt­zlich auf Akko­r­den oder Einzeltö­nen inne, um diesen nachzu­lauschen, und set­zt über­haupt den voller Brüche und abrupter Wen­dun­gen steck­enden Werkver­lauf mit einem Max­i­mum an imag­inier­barem Kör­pere­in­satz um. Freilich ist damit auch eine Gren­ze erre­icht, an der man sich wün­scht, über den Klang hin­aus einen optis­chen Ein­druck von der inter­pre­ta­torischen Auseinan­der­set­zung mit der Par­ti­tur zu gewin­nen: Denn wer jemals eine Live-Auf­führung von Hama­muth miter­lebt hat, weiß, wie stark die Musik auf­grund der ver­bal und spiel­tech­nisch einge­forderten Gestik über den Kör­p­er des Musik­ers wirkt.
Wie eine Fort­führung dieses kom­pos­i­torischen Konzepts unter anderen medi­alen Per­spek­tiv­en mutet Wer sind diese Kinder von 2009 an: Die Orch­esterk­länge scheinen, immer zwis­chen Kon­no­ta­tion und Zitat schwank­end, stärk­er noch als der Klavier­part nahezu Greif­bares und Bekan­ntes in sich aufzube­wahren, während die Sin­nge­bung zugle­ich durch die Klan­gräume elek­tro­n­is­ch­er Sprachzus­pielun­gen in den Bere­ich konkreter Seman­tik aus­geweit­et wird. Wie Hodges spielt auch das Orch­ester aus­ge­sprochen stark und lässt sich unter Beat Fur­rers Leitung zu inten­siv­en, über unter­schiedliche Dauern hin­weg reichen­den Klang­in­ten­sitäten anre­gen. Erstaunlich sind aber auch die zarten, reflex­iv­en Momente, etwa wenn eine vom Pianis­ten hinge­tupfte Rei­he aus Einzeltö­nen von Cel­li und Bässen über­nom­men wird, bevor die Erin­nerung an diese Fort­führung im Tut­ti von Solo und Orch­ester zwis­chen wuchti­gen Rep­e­ti­tions­blöck­en zer­rieben wird.
Es hat let­zten Endes etwas für sich, wenn Jörn Peter Hiekel im erstaunlich aus­führlichen Book­let­text dafür plädiert, bei­de Werke zu «jenen bedeut­samen kün­st­lerischen Ver­suchen der let­zten Jahrzehnte» zu zählen, «die das Spek­trum poli­tis­ch­er Musik sub­stanziell zu weit­en suchen», indem sie sich nicht nur die seman­tis­che Aufladung, son­dern auch die Kör­per­lichkeit von Klän­gen zunutze machen. Dem Ver­such, mit­tels typografisch erweit­ert­er Wieder­gabe der Track­lis­ten zumin­d­est etwas von den umfassenden, bei­den Par­ti­turen eingeschriebe­nen Text- und Aktion­ss­chicht­en einz­u­fan­gen, gilt ein großes Lob, auch wenn dies – zum Glück! – nichts gegen die Vieldeutigkeit der Musik aus­richt­en kann.

Ste­fan Drees